Cannabis und chronische Schlaflosigkeit: Wie Schlaf aufgebaut ist, was die beste Studie ergab und was THC mit dem Traumschlaf macht (Teil 1 von 2)

In der bisher aussagekräftigsten Studie zu Cannabis bei chronischer Schlaflosigkeit stuften die Teilnehmenden ihre Schlaflosigkeit unter einem THC-haltigen Öl als deutlich weniger schwer ein. In denselben Nächten zeichnete ein Schlaflabor ihren Schlaf vollständig auf und fand dabei kaum eine Veränderung. Dieser Teil erklärt beide Ergebnisse. Außerdem geht es darum, was THC mit dem Traumschlaf macht. Teil 2 behandelt den wichtigsten Grund zur Vorsicht: Was mit dem Schlaf passiert, wenn regelmäßiger Konsum endet.


Dies sind allgemeine Informationen, keine medizinische Beratung. Es ist keine Empfehlung, Cannabis zum Schlafen zu verwenden. Chronische Schlaflosigkeit ist meist das Symptom von etwas anderem. Häufige Ursachen sind Schmerzen, Angst, Depression, Schlafapnoe (die Atmung setzt im Schlaf immer wieder aus), ein Medikament oder ein ungünstiger Schlafrhythmus. Wird nur das Symptom behandelt, kann die eigentliche Ursache jahrelang unentdeckt bleiben, auch wenn es eine Behandlung für sie gibt. In Thailand ist Cannabisblüte als kontrollierte Heilpflanze eingestuft. Sie darf nur gegen ein PT-33-Rezept (ภ.ท.33) einer berechtigten Fachperson abgegeben werden. Jedes Rezept gilt für höchstens 30 Tage.

1. Wie eine Nacht Schlaf aufgebaut ist

Schlaf verläuft in Zyklen von etwa 90 Minuten. Jeder Zyklus beginnt mit leichteren Stadien des Non-REM-Schlafs, die N1 und N2 heißen. Danach folgt der Tiefschlaf, auch Slow-Wave-Schlaf oder N3 genannt. Der meiste Tiefschlaf fällt in die erste Nachthälfte.

Am Ende jedes Zyklus steht der REM-Schlaf. REM steht für „rapid eye movement“, also schnelle Augenbewegungen. Bei Erwachsenen macht REM etwa ein Fünftel bis ein Viertel des Schlafs aus. Zum Morgen hin werden die REM-Phasen länger. In dieser Phase träumen wir besonders lebhaft. Man nimmt an, dass sie dem Gehirn hilft, emotionale Erinnerungen zu verarbeiten.

Weil Schlaf so aufgebaut ist, wird ein Mittel nicht schon dadurch zu einer guten Schlafhilfe, dass man schneller einschläft. Eine Substanz kann die Einschlafzeit verkürzen und trotzdem verändern, wie viel Tiefschlaf oder REM-Schlaf Sie bekommen. Abschnitt 5 zeigt, dass THC den REM-Schlaf tatsächlich verändert.

Was Sie tun können: Wenn Sie mit Ihrer verschreibenden Fachperson über eine Schlafhilfe nachdenken, stellen Sie zwei Fragen. Erstens: Um wie viel schneller schlafe ich damit ein? Zweitens: Was macht das Mittel mit meinem Tiefschlaf und meinem REM-Schlaf?

2. Die erste kontrollierte Studie: schneller eingeschlafen, benommen am Morgen

Die beiden Forscher Cousens und DiMascio veröffentlichten 1973 die erste kontrollierte Studie zu THC als Schlafmittel. Sie gaben Menschen mit Schlaflosigkeit THC. Tetrahydrocannabinol ist der wichtigste berauschende Wirkstoff in Cannabis. Getestet wurden drei Dosen: 10, 20 und 30 mg.

Die Teilnehmenden schliefen schneller ein. Mit steigender Dosis nahmen aber auch die Nebenwirkungen zu. Bei 30 mg war der „Kater“ am nächsten Tag so stark, dass die Forscher diese Dosis als Schlafmittel ausschlossen. Gemeint ist die Benommenheit am Morgen danach.

Auf diesem Bild beruhen bis heute die meisten populären Darstellungen von Cannabis und Schlaf. Man schläft schneller ein, und je höher die Dosis, desto benommener fühlt man sich am nächsten Tag. Die Wirkung auf den REM-Schlaf wird meist nur am Rande erwähnt. Abschnitt 5 erklärt, warum sie mehr Aufmerksamkeit verdient.

Was Sie tun können: Wenn Ihnen eine verschreibende Fachperson THC verordnet oder die Dosis erhöht, rechnen Sie damit, dass Sie am nächsten Morgen benommen sein können. Fahren Sie an diesem Morgen kein Auto und bedienen Sie keine Maschinen, bis Sie wissen, wie die neue Dosis auf Sie wirkt.

Anmerkung der Übersetzung: In Thailand und weiten Teilen Südostasiens fahren viele Menschen frühmorgens mit dem Motorroller zur Arbeit. Für das Rollerfahren gilt dieselbe Vorsicht wie für das Autofahren.

3. Die bislang beste Studie: Walsh und Kollegen, 2021

Die aussagekräftigste Studie auf diesem Gebiet stammt von einem Forschungsteam unter der Leitung von Walsh. Sie erschien 2021 in der Fachzeitschrift SLEEP. Untersucht wurde ein Cannabinoid-Arzneimittel namens ZTL-101 bei Erwachsenen mit chronischer Schlaflosigkeit.

Wie die Studie aufgebaut war. Jedes Merkmal des Studiendesigns hat einen bestimmten Zweck:

  • Randomisiert: Der Zufall entschied, welches Präparat jede Person zuerst nahm, nicht die Forschenden. Diese konnten also nicht auswählen, wer was bekam.
  • Placebokontrolliert: Das Präparat wurde mit einem Placebo verglichen. Das ist ein Öl, das gleich aussieht, aber keinen Wirkstoff enthält. So lässt sich zeigen, wie viel einer Veränderung auf das Präparat selbst zurückgeht.
  • Doppelblind: Weder die Teilnehmenden noch die Forschenden sollten wissen, welches Öl gerade eingenommen wurde. So sollen Erwartungen die Ergebnisse nicht beeinflussen.
  • Crossover: Alle Teilnehmenden nahmen sowohl das Wirkstofföl als auch das Placebo, jeweils für zwei Wochen. So konnte jede Person mit sich selbst verglichen werden.
  • Auswaschphase: Zwischen den beiden Zeiträumen lag eine Woche Pause ohne Präparat. In dieser Zeit wird das erste Präparat aus dem Körper ausgeschieden, bevor das zweite beginnt.

Wer teilnahm. 24 Personen wurden randomisiert. 23 schlossen die Studie ab und wurden ausgewertet. Ihr Durchschnittsalter lag bei etwa 53 Jahren, 83 % waren Frauen.

Das Präparat. Es handelte sich um ein Öl, das sublingual eingenommen wurde, also unter der Zunge gehalten. Jeder Milliliter enthielt 20 mg THC, 2 mg CBN und 1 mg CBD sowie Terpene, die Aromastoffe der Pflanze. CBN (Cannabinol) entsteht, wenn THC bei der Alterung von Cannabis abgebaut wird. CBD (Cannabidiol) ist ein Cannabinoid, das nicht berauscht.

Das Dosierungsschema. Die Teilnehmenden nahmen etwa eine Stunde vor dem Schlafengehen 0,5 ml. Ab der vierten Nacht durften sie auf 1,0 ml erhöhen, wenn ein Arzt zustimmte. Verringern durften sie die Dosis jederzeit. Dies war das Studienprotokoll und ist keine Dosierungsempfehlung.

Wie die Ergebnisse gemessen wurden. Die Studie nutzte drei Instrumente:

  • Insomnia Severity Index: ein Fragebogen mit 7 Fragen, auf dem die Teilnehmenden selbst einschätzen, wie schwer ihre Schlaflosigkeit ist. Die Gesamtpunktzahl reicht von 0 bis 28. Dies war der primäre Endpunkt, also das Hauptergebnis, für dessen Prüfung die Studie angelegt war.
  • Aktigrafie: ein Bewegungsmesser, der zu Hause am Handgelenk getragen wird. Er schätzt den Schlaf daran ab, wie ruhig Sie liegen.
  • Polysomnografie: eine vollständige Aufzeichnung über Nacht im Schlaflabor. Sie misst die elektrische Aktivität des Gehirns und erkennt die Schlafstadien aus Abschnitt 1.

Die Tabelle nennt außerdem zwei statistische Werte. Der p-Wert zeigt, wie wahrscheinlich ein so großer Unterschied wäre, wenn das Präparat gar keine echte Wirkung hätte. Nach üblicher Konvention gilt ein Wert unter 0,05 als statistisch signifikant. Der d-Wert (Effektstärke) zeigt, wie groß der Unterschied im Vergleich zur normalen Schwankung zwischen Menschen ist. Nach üblicher Konvention gilt ein Wert ab 0,8 als großer Effekt.

Die Ergebnisse.

Messgröße Ergebnis im Vergleich zum Placebo
Insomnia Severity Index (eigene Einschätzung der Teilnehmenden) −5,07 Punkte (p = 0,0001, d = 0,94)
Gesamtschlafzeit (Aktigraf am Handgelenk) +33,4 Minuten (p < 0,001)
Wachzeit nach dem ersten Einschlafen (Aktigraf am Handgelenk) −10,2 Minuten (p = 0,002)
Schlafeffizienz, also der Anteil der Bettzeit, der im Schlaf verbracht wird (Aktigraf am Handgelenk) +2,9 % (p ≤ 0,005)
Polysomnografie (Schlafstadien und Schlafstruktur) Kein signifikanter Unterschied

Nebenwirkungen. Alle Nebenwirkungen waren leicht. Unter dem Wirkstofföl hatten 33 % der Teilnehmenden einen trockenen Mund, 25 % Schwindel und 17 % Kopfschmerzen. Fast alle dieser Beschwerden (97,5 %) verschwanden über Nacht oder kurz nach dem Aufwachen. Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse traten nicht auf.

Gemessen an den meisten Studien zu Cannabis und Schlaf ist dies eine positive Studie. Das Hauptergebnis verbesserte sich deutlich, und der Aktigraf am Handgelenk stützte es mit objektiven Daten.

Was Sie tun können: Wenn eine Produktseite oder ein Forenbeitrag diese Studie zitiert, prüfen Sie, ob dort auch das Ergebnis aus dem Schlaflabor, die 23 Teilnehmenden und die Dauer von zwei Wochen genannt werden. Fehlt eine dieser Angaben, zeigt Ihnen der Beitrag nur einen Teil der Studie.

4. Zwei Schwachstellen innerhalb der Studie

Das Schlaflabor sah nicht, was Fragebogen und Aktigraf zeigten. Der Aktigraf zeichnete deutliche Verbesserungen auf. Die Polysomnografie fand dagegen keinen signifikanten Unterschied zwischen Wirkstofföl und Placebo. Das ist möglich, weil beide Instrumente Verschiedenes messen. Der Aktigraf wertet ruhiges Liegen als Schlaf, die Polysomnografie misst die Hirnaktivität. Ein Mittel, durch das Sie ruhiger liegen, hat damit nicht unbedingt Ihren Schlaf verändert.

Andere Cannabinoid-Studien zeigen dasselbe Muster. Was die Teilnehmenden berichten, verbessert sich, die objektive Messung aber nicht. Das heißt nicht, dass die Teilnehmenden sich irren. Es heißt, dass die Studie nur eine engere Aussage stützt: Die Menschen stuften ihre Schlaflosigkeit als weniger schwer ein und lagen länger still. Dass sich der anhand der Hirnströme gemessene Schlaf verändert hat, zeigt sie noch nicht.

Die Teilnehmenden konnten erkennen, welches Öl sie nahmen. Die Autorinnen und Autoren sagen das selbst. Das Wirkstofföl hatte spürbare Effekte, deshalb ließ sich die Verblindung nicht aufrechterhalten. In der Phase mit dem Wirkstofföl tippten alle 21 Teilnehmenden, die die Frage beantworteten, richtig darauf, dass sie das Wirkstofföl nahmen. Zwei antworteten nicht.

Das ist wichtig, weil das Hauptergebnis die eigene Einschätzung der Teilnehmenden war. Gedin und Kollegen veröffentlichten 2022 in JAMA Network Open eine Metaanalyse, also eine Studie, die die Ergebnisse vieler Studien zusammenfasst. Sie untersuchte Cannabis-Studien zu Schmerzen. Dabei senkte schon das Placebo allein die Schmerzwerte mäßig bis stark. Die Erwartung, dass eine Behandlung wirkt, kann einen selbst eingeschätzten Wert also schon für sich allein deutlich verändern.

In der Walsh-Studie wussten die Teilnehmenden, wann sie das echte Öl nahmen. In die Wirkstoffphase floss also der volle Erwartungseffekt ein, in die Placebophase nur ein Teil davon. Ein Teil des Unterschieds von 5 Punkten könnte daher auf die Erwartung zurückgehen und nicht auf das Mittel. Die Gedin-Studie betraf zwar Schmerzen und nicht Schlaf. Beide Ergebnisse werden aber von den Teilnehmenden selbst eingeschätzt, deshalb besteht dasselbe Risiko.

Die Studie war klein und kurz. 23 Personen über zwei Wochen können nicht zeigen, was über Monate passiert. Ehrlich zusammengefasst ist das ein vielversprechendes Signal, das eine größere und längere Studie braucht. Ein gesichertes Ergebnis ist es nicht.

Was Sie tun können: Bezeichnen Sie diese Evidenz als „vielversprechend, aber nicht gesichert“, wenn Sie mit Ihrer verschreibenden Fachperson oder im Forum darüber sprechen. Fragen Sie Ihre verschreibende Fachperson, ob seit 2021 eine größere oder längere Studie veröffentlicht wurde.

5. Was THC mit dem Traumschlaf (REM) macht

Studien berichten im Allgemeinen, dass THC den REM-Schlaf verringert. Wird THC abgesetzt, kommt es meist zu einem REM-Rebound: Eine Zeit lang gibt es mehr REM-Schlaf als üblich. Welche Bedeutung das auf lange Sicht hat, ist nicht gut belegt. Eine Literaturübersicht von Babson, Sottile und Morabito aus dem Jahr 2017 kam zu dem Schluss, dass der Effekt offenbar von der Dosis und der Toleranz abhängt. Außerdem stellte sie fest, dass die Daten aus Studien am Menschen teilweise widersprüchlich sind.

THC ist nicht die einzige Substanz mit diesem Effekt. Auch einige herkömmliche Schlafmittel (Hypnotika) und Antidepressiva verringern den REM-Schlaf. Das ist einer der Kritikpunkte, die auch gegen diese Medikamente vorgebracht werden.

Daraus ergeben sich zwei Folgen. Erstens kann weniger REM-Schlaf für jemanden, der unter seinen Träumen leidet, ein Vorteil sein. Ein Beispiel sind Patientinnen und Patienten mit Albträumen infolge einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Zweitens bringt der REM-Rebound nach dem Absetzen für eine gewisse Zeit ungewöhnlich lebhafte und intensive Träume.

Der Rebound gehört zu einem umfassenderen Entzugsmuster nach regelmäßigem Konsum. Teil 2 erklärt, warum dieser Entzug für alle, die Cannabis zum Schlafen verwenden, der wichtigste Punkt ist.

Was Sie tun können: Wenn Sie abends ein verschriebenes Cannabinoid nehmen, notieren Sie jede Veränderung Ihrer Träume in einem Schlaftagebuch. Wenn Sie es absetzen, rechnen Sie eine Zeit lang mit lebhaften Träumen und berichten Sie Ihrer verschreibenden Fachperson davon.


Literatur

  • Babson KA, Sottile J, Morabito D. Cannabis, cannabinoids, and sleep: a review of the literature. Curr Psychiatry Rep. 2017. doi:10.1007/s11920-017-0775-9
  • Cousens K, DiMascio A. (−)Δ9 THC as an hypnotic: an experimental study of three dose levels. Psychopharmacologia. 1973;33:355–364. doi:10.1007/BF00437513
  • Gedin F, et al. Placebo response and media attention in randomized clinical trials assessing cannabis-based therapies for pain: a systematic review and meta-analysis. JAMA Netw Open. 2022;5(11):e2243848. doi:10.1001/jamanetworkopen.2022.43848
  • Walsh JH, Maddison KJ, Rankin T, et al. Treating insomnia symptoms with medicinal cannabis: a randomized, crossover trial of the efficacy of a cannabinoid medicine compared with placebo. Sleep. 2021;44(11):zsab149. doi:10.1093/sleep/zsab149

Allgemeine Informationen, keine medizinische Beratung. Anhaltende Schlaflosigkeit verdient eine Diagnose, nicht nur ein Mittel dagegen.

Weiter in Teil 2: Cannabis und chronische Schlaflosigkeit: Entzug, Cannabinol und Cannabidiol, kognitive Verhaltenstherapie und der geplante Ausstieg (Teil 2 von 2)