Cannabinoide und Gliome: Was ein Universitätslabor in Madrid herausfand, was an Patienten getestet wurde und warum es keine Behandlung ist

Eine Forschungsgruppe der Universität Complutense Madrid in Spanien hat Cannabinoide im Labor untersucht. In diesen Studien töteten Cannabinoide Gliomzellen ab, eine Art von Hirntumorzellen, während normale Gehirnzellen unversehrt blieben. Andere Autoren haben diesen Befund korrekt wiedergegeben. Problematisch ist ein Satz, den manche Autoren daran anhängen: Cannabis heile Hirntumoren. Diesen Satz lesen vor allem verängstigte Patienten und ihre Angehörigen.

Dieser Beitrag behandelt vier Punkte. Er zeigt, was das Labor nachgewiesen hat und was bisher an Menschen getestet wurde. Er erklärt, was die heutige Behandlung beim aggressivsten Hirntumor erreicht. Außerdem beschreibt er, was Sie tun können, wenn Ihnen jemand einen Artikel nach dem Motto „Cannabisöl heilt Hirnkrebs“ schickt.

Anmerkung der Übersetzung: Nach einer Krebsdiagnose fragen Familien in Thailand oft zuerst Anbauer nach „Öl“. Dieser Beitrag liefert Ihnen die Fakten, mit denen Sie auf eine solche Bitte antworten können. Er zeigt Ihnen auch, wie Sie die Familie an die behandelnden Ärzte zurückverweisen.

Wenn bei Ihnen oder einem Ihnen nahestehenden Menschen ein bösartiger Hirntumor festgestellt wurde, lesen Sie zuerst Abschnitt 5. Dieser Beitrag ist keine ärztliche Beratung und beschreibt keine Behandlung. Er darf die Versorgung die Versorgung durch einen Neuroonkologen verzögern oder ersetzen, also durch einen Krebsarzt, der auf Tumoren des Gehirns und der Nerven spezialisiert ist.

In Thailand ist Cannabisblüte ein kontrolliertes Kraut nach der Bekanntmachung des Ministeriums für öffentliche Gesundheit über kontrollierte Kräuter (Cannabis) B.E. 2568, die seit dem 26. Juni 2025 gilt. Sie darf nur gegen ein PT-33-Rezept (ภ.ท.33) einer dazu berechtigten Fachperson verkauft werden, und zwar für höchstens 30 Tage. Werbung für Blüten und ihr Online-Verkauf sind verboten. Einen Überblick darüber, was „medizinisches Cannabis“ in Thailand umfasst, finden Sie in diesem Beitrag.

1. Was das Madrider Labor tatsächlich herausfand

Die Arbeiten stammen aus dem Institut für Biochemie und Molekularbiologie der Universität Complutense Madrid, einer staatlichen Universität in Spanien. Cannabisbücher zitieren oft eine bestimmte Passage. Sie gibt eine Übersichtsarbeit der Gruppe selbst fair wieder (Velasco et al., Molecular Neurobiology, 2007). Guzmán, ein Forscher derselben Madrider Gruppe, veröffentlichte 2003 eine verwandte Übersichtsarbeit in Nature Reviews Cancer.

In einfachen Worten sagt die Zusammenfassung der Gruppe Folgendes:

  • Was Cannabinoide sind. Cannabinoide sind die Wirkstoffe der Cannabispflanze (Cannabis sativa L.). Sie wirken, indem sie Endocannabinoide nachahmen, also ähnliche Signalmoleküle, die der Körper selbst bildet. Endocannabinoide aktivieren bestimmte Rezeptoren auf der Oberfläche von Zellen.
  • Wirkung bei Patienten. Bei Krebspatienten haben Cannabinoide mehrere palliative Wirkungen. „Palliativ“ bedeutet, dass sie Beschwerden lindern. Es bedeutet nicht, dass sie die Krankheit behandeln.
  • Wirkung bei Tieren. Bei Labortieren bremsten Cannabinoide das Wachstum mehrerer Tumorzellarten, darunter Gliomzellen. Ein Gliom ist ein Tumor, der von Gliazellen ausgeht, den Stützzellen des Gehirns.
  • Wie es geschieht. Cannabinoide verändern wichtige Signale im Inneren der Zelle. Das wichtigste davon ist Stress im endoplasmatischen Retikulum: Der Teil der Zelle, der Proteine faltet, wird überlastet.
  • Das Ergebnis. Dieser Stress treibt die Tumorzelle in die Apoptose, das eingebaute Selbstzerstörungsprogramm der Zelle. Außerdem blockiert er die Angiogenese, also die Bildung neuer Blutgefäße, die ein Tumor für seine Versorgung braucht.
  • Selektivität. Cannabinoide scheinen nur Tumorzellen anzugreifen. Sie töteten Gliomzellen, aber keine normalen Astrogliazellen, also die gesunden Stützzellen des Gehirns vom entsprechenden Typ.

Die Passage ist vorsichtig formuliert. Sie spricht von Tumorzellen und Labortieren. Für Patienten beansprucht sie nur eine Linderung von Beschwerden. Sie behauptet nirgends, dass Cannabinoide Hirntumoren beim Menschen behandeln.

Der genaue Wirkmechanismus wird im Beitrag zu Cannabis und Krebs behandelt. Kurz gesagt wirkt THC (Tetrahydrocannabinol, das wichtigste berauschende Cannabinoid) über Cannabinoid-Rezeptoren. Dadurch bildet die Tumorzelle Ceramid, ein Fettmolekül, das als Signal dient. Ceramid löst dann den oben beschriebenen Stress im endoplasmatischen Retikulum aus.

THC tötet Gliomzellen außerdem über Autophagie ab, einen Vorgang, bei dem die Zelle ihre eigenen Bestandteile verdaut. Dazu blockiert es den Akt/mTORC1-Signalweg, eine Signalkette, die Zellen zum Weiterwachsen anregt. Das Gliom ist der Tumortyp, zu dem es die meiste präklinische Forschung über Cannabinoide gibt. „Präklinisch“ bedeutet: Arbeiten an Zellkulturen und Tieren, bevor überhaupt an Menschen getestet wird.

Entscheidend ist die Selektivität. Viele Substanzen töten Krebszellen in der Laborschale. Ein möglicher Arzneistoff wird eine Substanz erst, wenn sie Krebszellen tötet und die entsprechenden gesunden Zellen verschont. Deshalb fanden diese Arbeiten Beachtung, und die Beachtung ist berechtigt.

Was Sie tun können: Wenn Sie eine Cannabisstudie lesen oder teilen, suchen Sie die Stelle, die sagt, woran getestet wurde: an Zellen in der Schale, an Tieren oder an Menschen. Ein Ergebnis an Zellen oder Tieren zeigt, wohin die Forschung als Nächstes gehen sollte. Es sagt einem Patienten nicht, was er einnehmen soll.

2. Der Satz, den die Forschenden nie geschrieben haben

Einige populäre Cannabisbücher zitieren die Madrider Passage und setzen direkt daneben einen weiteren Satz. Dieser zusätzliche Satz behauptet, THC habe „nachweislich Gliom-Krebszellen abgetötet und sei ein wirksames Heilmittel“. Manche Bücher schreiben außerdem, viele Patienten verdankten Cannabis ihr Leben. Diese Sätze stammen aus den Büchern, nicht von der Complutense-Gruppe. Die Forschenden haben sie nie geschrieben.

Die danebenstehende Passage stützt diese Behauptungen nicht, und auch keine andere Evidenz stützt sie. Die Beiträge darüber, warum persönliche Erfahrungsberichte keine medizinische Evidenz sind, und über Cannabis und Krebs (in Abschnitt 1 verlinkt) beschreiben dieses Muster. Ein Autor zitiert eine vorsichtige wissenschaftliche Aussage korrekt. Dann setzt er gleich in die nächste Zeile eine Schlussfolgerung, die durch nichts belegt ist.

Die Heilungsbehauptung folgt direkt auf ein echtes Zitat, deshalb hält ein besorgter Leser sie für einen Teil der Forschung. Kaum jemand prüft, wo die Worte der Forschenden enden und die des Buches beginnen.

Was Sie tun können: Steht eine Heilungsbehauptung neben einem Studienzitat, öffnen Sie die Originalarbeit oder ihre Zusammenfassung (Abstract) und suchen Sie den Heilungssatz. Haben die Forschenden ihn nicht geschrieben, geben Sie ihn nicht als deren Ergebnis weiter.

3. Was an Menschen getestet wurde

An Menschen wurde sehr wenig getestet. Jede Studie am Menschen verwendete pharmazeutische Cannabinoide, die nach medizinischen Standards hergestellt wurden, keine selbst gemachten Zubereitungen.

Drei Begriffe helfen Ihnen, die beiden folgenden Studien zu lesen:

  • Phase-1-Studie: die erste Stufe der Erprobung am Menschen. Sie prüft Sicherheit und Dosis. Ob das Mittel wirkt, prüft sie nicht.
  • Randomisiert, placebokontrolliert: Der Zufall entscheidet, welche Patienten das echte Mittel erhalten und welche ein Placebo, also eine Scheinbehandlung, die gleich aussieht. Die Placebogruppe ist die Kontrollgruppe. Der Vergleich beider Gruppen zeigt, ob das Mittel einen Unterschied gemacht hat.
  • Medianes Überleben: die Zeit, bis zu der die Hälfte der Patienten verstorben war. Die eine Hälfte lebte kürzer, die andere länger.

Guzmán und Kollegen, 2006

Die Madrider Gruppe führte eine Pilotstudie durch (British Journal of Cancer, 2006; 95:197–203). Dabei wurde neun Patienten mit rezidivierendem Glioblastom Delta-9-THC direkt in den Tumor gespritzt. „Rezidivierend“ bedeutet, dass der Tumor nach der Behandlung zurückgekehrt war. Das Glioblastom ist die aggressivste Form des Glioms (siehe Abschnitt 5).

Die Studie hatte weder eine Randomisierung noch eine Kontrollgruppe. Die Forschenden berichteten, die Behandlung sei sicher gewesen. Eine Phase-1-Studie ist darauf ausgelegt, Sicherheit zu zeigen, und Sicherheit beweist nicht, dass ein Mittel wirkt.

Das mediane Überleben betrug 24 Wochen ab der ersten THC-Dosis (9 Patienten, nicht randomisiert). Ohne Vergleichsgruppe kann diese Zahl nicht zeigen, ob THC überhaupt eine Wirkung hatte.

Twelves und Kollegen, 2021

Ein Forschungsteam unter Leitung von Chris Twelves von der University of Leeds (Großbritannien) führte eine Phase-1b-Studie durch. Sie erschien im British Journal of Cancer (2021; 124:1379–87). Bei Patienten, deren Glioblastom zum ersten Mal zurückgekehrt war, ergänzte das Team die Temozolomid-Behandlung um Nabiximols.

  • Nabiximols ist ein verschreibungspflichtiges Mundspray aus Cannabisextrakt, das THC und CBD (Cannabidiol) enthält. Siehe den Beitrag über zugelassene Cannabinoid-Arzneimittel.
  • Temozolomid ist ein Chemotherapeutikum und das Standardmedikament beim Glioblastom.

Im randomisierten, placebokontrollierten Teil der Studie erhielten 12 Patienten Nabiximols und 9 ein Placebo (insgesamt 21). Nach einem Jahr lebten noch 83 % der Nabiximols-Gruppe, verglichen mit 44 % der Placebogruppe (p = 0,042).

Ein p-Wert schätzt, wie wahrscheinlich ein mindestens so großer Unterschied wäre, wenn das Mittel keine echte Wirkung hätte. Werte unter 0,05 bezeichnen Forschende meist als „signifikant“. Diese Studie war jedoch darauf ausgelegt, Sicherheit und Verträglichkeit zu prüfen, nicht das Überleben. Der Überlebensvergleich ist daher explorativ, und sein p-Wert von etwa 0,04 ist nur formal signifikant.

Der Studienbericht vermerkt außerdem, dass zwei Placebo-Patienten innerhalb der ersten 40 Tage nach Studieneintritt starben. Die Autoren selbst forderten eine randomisierte Studie mit genügend Patienten, um eine verlässliche Antwort zu liefern.

Dieses Ergebnis wird oft zitiert. Wenn Sie es zitieren, nennen Sie immer die Zahlen: 12 Patienten gegen 9. In so kleinen Gruppen, mit frühen Todesfällen in einer Gruppe, könnte schon der Zufall den Unterschied leicht erklären. Dasselbe gilt für Gruppen, die sich zu Beginn nicht glichen. Es ist ein Signal, das weitere Prüfung verdient, wie die Autoren sagten, aber keine Grundlage für eine Behandlung.

Forschende auf diesem Gebiet bezeichnen die Evidenz für eine Wirkung gegen Krebs in ihren eigenen Übersichtsarbeiten als im Wesentlichen präklinisch. Ein Beispiel ist Hinz & Ramer, „Cannabinoids as anticancer drugs: current status of preclinical research“ (British Journal of Cancer, 2022). Bisher hat niemand randomisierte, placebokontrollierte Studien bei Krebspatienten mit genügend Teilnehmern für eine verlässliche Antwort durchgeführt.

Anmerkung der Übersetzung: Nabiximols ist ein pharmazeutisches Produkt mit einer festen Dosis in jedem Sprühstoß. Cannabisöle, die in Thailand verkauft oder weitergegeben werden, sind etwas anderes. Ihr THC- und CBD-Gehalt ist unbekannt, solange kein Labor genau diese Charge untersucht hat. Wenn jemand Ihnen mit dem Twelves-Ergebnis ein Öl verkaufen will: Das Ergebnis gilt nicht für dieses Öl. Liegt einem Öl ein Laborzertifikat bei, hilft Ihnen der Beitrag So lesen Sie ein Analysezertifikat.

Was Sie tun können: Bevor Sie eine Studie zitieren, notieren Sie drei Dinge. Wie viele Patienten nahmen teil? Gab es eine Kontrollgruppe? Worauf war die Studie ausgelegt? Wenn Sie nicht alle drei Angaben finden, nutzen Sie das Ergebnis nicht, um jemanden zu beraten.

4. Zwei Laborbefunde, die selten zitiert werden

Laborstudien verwenden meist Cannabinoid-Konzentrationen, die weit über dem liegen, was eine Dosis beim Menschen im Blut erreicht. Im Inneren eines Hirntumors ist der Abstand noch größer. Das Gehirn ist durch die Blut-Hirn-Schranke geschützt, eine dichte Auskleidung der Blutgefäße, die viele Stoffe vom Hirngewebe fernhält. Der Beitrag darüber, wie sich Cannabinoide im Körper verhalten, erklärt, warum die Blutspiegel niedrig bleiben.

Manche Befunde weisen zudem in die Gegenrichtung. In niedrigen Konzentrationen haben Cannabinoide manche Krebszellen schneller wachsen lassen.

Eine Studie an Mäusen aus dem Jahr 2022 ergab, dass Cannabinoide den Angriff des Immunsystems auf Tumoren schwächten (Xiong et al., Signal Transduction and Targeted Therapy, 2022). Betroffen waren T-Zellen, die weißen Blutkörperchen, die Tumoren angreifen. Die Wirkung lief über das Gen CNR2, das den Cannabinoid-Rezeptor CB2 bildet, und über eine Signalkette namens JAK/STAT. Der in Abschnitt 1 verlinkte Beitrag zu Cannabis und Krebs behandelt sowohl das Konzentrations- als auch das Immunargument ausführlich.

Was Sie tun können: Wird ein Familienmitglied bereits wegen Krebs behandelt, geben Sie nicht eigenmächtig Cannabisprodukte dazu. Sprechen Sie wegen des Befunds zum Immunsystem mit dem Onkologen, bevor Sie irgendein Produkt anwenden.

5. Was ein Glioblastom bedeutet und was die heutige Behandlung erreicht

„Malignes Gliom“ ist nicht eine einzige Krankheit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt die offizielle Einteilung der Hirntumoren heraus; die aktuelle Ausgabe heißt CNS5 (2021). Nach CNS5 sind hier folgende Gruppen wichtig:

  • Glioblastom, IDH-Wildtyp, Grad 4: die aggressivste Form. „IDH-Wildtyp“ bedeutet, dass die Tumorzellen keine Veränderung im IDH-Gen tragen.
  • IDH-mutierte Astrozytome und Oligodendrogliome, Grad 2–3: Tumoren, deren Zellen eine Veränderung im IDH-Gen tragen. Patienten mit diesen Tumoren haben deutlich bessere Aussichten, und die Behandlung ist eine andere.
  • IDH-mutierte Tumoren Grad 2: Zur Behandlung gehört inzwischen Vorasidenib, ein Medikament, das das fehlerhafte IDH-Enzym blockiert. Die US-Lebens- und Arzneimittelbehörde (FDA) hat es 2024 zugelassen.

Alle folgenden Zahlen gelten nur für das Glioblastom.

Ältere Cannabisliteratur nennt ein medianes Überleben von 40 bis 50 Wochen ab Diagnose. Diese Zahl stammt aus einer früheren Behandlungsepoche.

Heute besteht die Standardbehandlung eines neu diagnostizierten Glioblastoms aus drei Schritten:

  1. Operation, um so viel Tumor zu entfernen, wie sicher möglich ist.
  2. Strahlentherapie mit gleichzeitiger Temozolomid-Gabe. Temozolomid wird sechs Wochen lang mit 75 mg/m² pro Tag gegeben, parallel zu 60 Gy Bestrahlung in 30 Sitzungen. „mg/m²“ bedeutet, dass die Dosis nach der Körperoberfläche bemessen wird, die aus Größe und Gewicht berechnet wird. „Gy“ (Gray) ist die Einheit der Strahlendosis.
  3. Sechs Erhaltungszyklen Temozolomid nach Ende der Strahlentherapie.

Dieser Standard geht auf eine große Studie zweier Krebsforschungsnetzwerke zurück: der European Organisation for Research and Treatment of Cancer und des National Cancer Institute of Canada (EORTC/NCIC). Stupp und Kollegen, das Team, das die Studie leitete, berichteten darüber im New England Journal of Medicine (2005; 352:987–96). Die Fünfjahresergebnisse folgten in einem späteren Bericht (Lancet Oncology, 2009; 10:459–66).

EORTC/NCIC-Studie Medianes Überleben Nach 2 Jahren am Leben Nach 5 Jahren am Leben
Nur Strahlentherapie 12,1 Monate 10,4 % 1,9 %
Strahlentherapie + Temozolomid 14,6 Monate 26,5 % 9,8 %

Studien wählen ihre Patienten aus, zum Beispiel nach dem allgemeinen Gesundheitszustand. Das Überleben aller Glioblastom-Patienten liegt daher in der Regel unter diesen Werten.

Tumortherapiefelder (Tumor Treating Fields) werden von einem Gerät erzeugt, das auf der rasierten Kopfhaut getragen wird. Es leitet schwache elektrische Wechselfelder ins Gehirn, die die Teilung der Tumorzellen stören. In der EF-14-Studie (Stupp et al., JAMA, 2017) nutzten Patienten das Gerät zusätzlich zur Erhaltungstherapie mit Temozolomid. Ihr medianes Überleben stieg auf 20,9 Monate, verglichen mit 16,0 Monaten bei Patienten, die nur Temozolomid erhielten.

Kehrt der Tumor zurück, kommen für ausgewählte Patienten eine zweite Operation oder eine zweite Strahlentherapie infrage. Eine weitere Möglichkeit ist Bevacizumab, ein als Infusion gegebenes Medikament, das das Wachstum von Tumorblutgefäßen blockiert. Diese Optionen können die Krankheit oder ihre Beschwerden eine Zeit lang in Schach halten. Dennoch wächst der Tumor bei fast allen Patienten erneut.

Diese Zahlen sind schwer zu lesen, und sie werden hier bewusst offen genannt. Gerade in dieser Lage richtet eine „Heilungs“-Behauptung den größten Schaden an. Der Patient ist nicht leichtgläubig. Die Standardbehandlung bietet so wenig, dass jede Chance einen Versuch wert scheint.

Deshalb sind Überlebensdaten zur Alternativmedizin hier wichtig. Der Beitrag über Patienten, die eine Krebsbehandlung ablehnen, stellt eine Studie zu heilbaren Krebsarten vor. Manche Patienten dieser Studie nutzten Alternativmedizin anstelle der Standardbehandlung. Ihre Hazard Ratio für den Tod lag bei 2,50, das heißt: Ihr Sterberisiko im Studienzeitraum war zweieinhalbmal so hoch.

Das Glioblastom ist nicht heilbar, daher fällt die Abwägung anders und knapper aus. Doch Operation, Temozolomid mit Strahlentherapie und Tumortherapiefelder verschaffen zusätzliche Monate und manchmal Jahre. Das sind die Behandlungen, die randomisierte Studien stützen.

Anmerkung der Übersetzung: Fragen Sie in Thailand das behandelnde Krankenhaus, welche dieser Schritte es anbieten kann und welche Kosten Ihr Krankenversicherungssystem übernimmt. Diese Behandlungen erfordern ein Krankenhaus mit Abteilungen für Neurochirurgie und Strahlentherapie. Lebt die Familie in einer ländlichen Provinz, bitten Sie das örtliche Krankenhaus so früh wie möglich um eine Überweisung. Warten Sie nicht, bis sich die Beschwerden verschlimmern.

Was Sie tun können: Bitten Sie das Behandlungsteam, die genaue Diagnose schriftlich festzuhalten: Tumortyp, Grad und IDH-Status. Die Überlebenszahlen und die Behandlungsmöglichkeiten hängen von diesen drei Angaben ab.

6. Was sinnvoll ist

Bei der Linderung von Beschwerden haben Cannabinoide eine echte Rolle

Die Madrider Gruppe sagt es mit eigenen Worten: Cannabinoide haben bei Krebspatienten mehrere palliative Wirkungen. Übelkeit, Appetit, Schlaf und Schmerzen sind echte Ansatzpunkte. Die stärkste Evidenz überhaupt gibt es für Übelkeit und Erbrechen durch Chemotherapie.

Informieren Sie das Behandlungsteam über alles

Temozolomid wird aktiv, indem es im Körper von selbst chemisch zerfällt. CYP-Enzyme sind Leberenzyme, die viele Arzneimittel verarbeiten, und sie spielen bei der Aktivierung von Temozolomid nur eine kleine Rolle. Temozolomid ist daher nicht die Hauptsorge bei Wechselwirkungen. Die Twelves-Studie fand keinen klinisch bedeutsamen Einfluss von Nabiximols darauf, wie der Körper Temozolomid verarbeitet.

Die echten Risiken gehen von anderen Medikamenten aus, die Hirntumor-Patienten häufig einnehmen:

  • Dexamethason ist ein Steroid, das häufig gegen Hirnschwellungen eingesetzt wird. Es wird vom Leberenzym CYP3A4 verarbeitet, und Cannabinoide nutzen dasselbe Enzym.
  • Enzyminduzierende Antikonvulsiva wie Carbamazepin und Phenytoin können die Cannabinoid-Spiegel im Blut verändern. Das sind Medikamente gegen Krampfanfälle, die Leberenzyme beschleunigen.
  • CBD erhöht den Spiegel des wirksamen Abbauprodukts von Clobazam. Clobazam ist ein Medikament gegen Krampfanfälle, der Patient wird dadurch schläfriger.
  • Levetiracetam ist das bei Hirntumor-Patienten am häufigsten eingesetzte Medikament gegen Krampfanfälle. Es hat ein geringes bekanntes Wechselwirkungspotenzial.

Nichts davon lässt sich zu Hause beurteilen. Geben Sie dem Behandlungsteam eine vollständige Liste aller Mittel, die der Patient einnimmt. Der Beitrag zu Wechselwirkungen von Cannabis mit Arzneimitteln enthält eine Liste, die Sie zum Arzttermin mitnehmen können.

Anmerkung der Übersetzung: In Thailand geben Familien oft gleichzeitig pflanzliche Mittel, traditionelle Arzneien und Cannabisöl dazu. Setzen Sie jedes davon auf die Liste, auch Produkte ohne Etikett. Viele Krankenhäuser des Ministeriums für öffentliche Gesundheit betreiben eine Sprechstunde für medizinisches Cannabis. Fragen Sie, ob das behandelnde Krankenhaus eine hat. Falls ja, bitten Sie um eine Überweisung dorthin, statt privat Öl zu kaufen.

Anmerkung der Übersetzung für Anbauer: Es kann sein, dass Verwandte oder Freunde Sie bitten, Cannabisöl für einen Patienten herzustellen. Sagen Sie Nein und verweisen Sie sie an den behandelnden Arzt. § 46 des thailändischen Gesetzes zum Schutz der traditionellen thailändischen Medizin (Thai Traditional Medicine Protection Act) B.E. 2542 regelt die Verarbeitung eines kontrollierten Krauts ohne Lizenz. Nach § 78 drohen bis zu 1 Jahr Freiheitsstrafe, eine Geldstrafe von bis zu 20.000 Baht oder beides.

Seit dem 26. April 2026 werden Lizenzen für Cannabisextrakte mit mehr als 0,2 % THC nur noch an drei Arten von Antragstellern vergeben: thailändische juristische Personen, die nach dem Gesetz über ausländische Geschäftstätigkeit (Foreign Business Act) B.E. 2542 nicht als „ausländisch“ gelten, staatliche Stellen und das Thailändische Rote Kreuz. Das Gesetz ist nicht das einzige Problem. Ein Öl unbekannter Stärke kann außerdem, wie oben beschrieben, mit den Antikonvulsiva und Steroiden des Patienten wechselwirken.

Es gibt klinische Studien

Patienten, die sich für Cannabinoide bei Gliomen interessieren, sollten ihren Neuroonkologen nach klinischen Studien fragen. Nur eine ordentliche Studie kann aus einem Ergebnis wie 12 gegen 9 eine echte Antwort machen. Ohne sie bleibt das Ergebnis ein Gerücht.

Anmerkung der Übersetzung: Nach Studien können Sie auf ClinicalTrials.gov suchen, einem öffentlichen Register der US National Library of Medicine. Sie können auch im Thai Clinical Trials Registry (TCTR) unter thaiclinicaltrials.org suchen. Suchen Sie nach „glioblastoma“ zusammen mit „cannabinoid“ oder „nabiximols“. Bringen Sie jede gefundene Studie zum Neuroonkologen, der beurteilen kann, ob der Patient dafür infrage kommt.

Was tun mit einem Artikel „Cannabis heilt Hirnkrebs“?

Die Evidenz zu Cannabinoiden und Gliomen gleicht der Evidenz hinter jeder Behauptung „Cannabis heilt Krebs“. Sie stammt aus Labor- und Tierversuchen, und keine Studie am Menschen hatte genug Teilnehmer für eine verlässliche Antwort. Der einzige Unterschied: Die Madrider Gruppe hat die Heilungsbehauptung nie aufgestellt. Jemand anderes hat sie ihrer Arbeit angehängt.

Wenn bei Ihnen ein Hirntumor diagnostiziert wurde und Ihnen jemand Material über Cannabisöl geschickt hat:

  1. Beginnen, beenden oder ändern Sie deswegen keine Behandlung.
  2. Legen Sie es Ihrem neuroonkologischen Team vor und bitten Sie das Team, es mit Ihnen durchzugehen.
  3. Wenn Sie die Quellen prüfen lassen möchten, stellen Sie das Material als Antwort unter diesen Beitrag. Die Mitglieder können es mit den Originalarbeiten vergleichen.

Dies sind allgemeine Informationen zu Bildungszwecken, keine ärztliche Beratung. Cannabis ist keine Behandlung für Gliome. Keine Zulassungsbehörde hat ein Cannabinoid als Krebsbehandlung zugelassen.

Literatur

  • Velasco et al. Mol Neurobiol 2007;36:60–67.
  • Guzmán. Nat Rev Cancer 2003;3:745–755.
  • Guzmán et al. Br J Cancer 2006;95:197–203.
  • Twelves et al. Br J Cancer 2021;124:1379–87.
  • Hinz & Ramer. „Cannabinoids as anticancer drugs: current status of preclinical research.“ Br J Cancer 2022;127:1–13.
  • Xiong et al. Signal Transduct Target Ther 2022;7:99.
  • World Health Organization Classification of Tumours of the Central Nervous System, 5th edition (CNS5), 2021.
  • Stupp et al. N Engl J Med 2005;352:987–96.
  • Stupp et al. Lancet Oncol 2009;10:459–66.
  • Stupp et al. (EF-14-Studie). JAMA 2017.
  • Zulassung von Vorasidenib durch die US-amerikanische FDA, 2024.