Die Studie mit den toten Affen: Wie ein nie wiederholtes Experiment aus den 1970er-Jahren das Bild von Cannabis und Gehirn prägte (Teil 1 von 2)

In den 1970er-Jahren berichtete ein US-amerikanischer Psychiater, Cannabis habe die Gehirne von Affen dauerhaft geschädigt. 1974 erreichte diese Behauptung die Öffentlichkeit. Sie wurde in der US-Politik aufgegriffen und auf die Formel „Cannabis tötet Gehirnzellen“ verkürzt. Kein anderes Forschungsteam konnte das Ergebnis je wiederholen, und zwei größere Affenstudien fanden keine solchen Schäden. In denselben Jahren untersuchten Anthropologen mit US-Fördergeldern langjährige Starkkonsumenten auf Jamaika und fanden kaum erkennbare Schäden. Befürworter von Cannabis zitieren dieses Ergebnis bis heute. Die beiden Geschichten sind Spiegelbilder voneinander. Zusammen zeigen sie, wie ein altes Ergebnis zur festen öffentlichen Überzeugung wird und weiter wiederholt wird, obwohl die Forschung längst weiter ist.

Dieser Teil behandelt die Affenstudie, was später mit ihr geschah und warum sie sich so lange hielt. Teil 2 behandelt die Feldstudien aus Jamaika und Costa Rica, fünf Fragen, die Sie jedem spektakulären Ergebnis stellen sollten, und was davon in Thailand gilt.

Dieser Artikel ist eine Fallstudie dazu, wie man Forschung liest – und Nachrichten über Forschung. Er behandelt Forschung aus den 1970er- und 1980er-Jahren, die von den USA finanziert wurde. Er behauptet nicht, dass Cannabis harmlos ist, und nichts davon ist als medizinischer Rat zu verstehen. Der aktuelle Wissensstand zu den Risiken von Cannabis wird im Bereich Wissenschaft und Forschung besprochen. Praktische Fragen zur Dosierung gehören in das Thema Niedrig anfangen, langsam steigern.

1. Die Studie und ihre Behauptung

Robert Galbraith Heath war Psychiater an der Tulane University in den USA. In den 1970er-Jahren berichtete er, Cannabis verursache dauerhafte Veränderungen im Gehirn von Rhesusaffen. In einem Interview mit der Zeitschrift People im Dezember 1974 formulierte er es so: „Alkohol ist eine einfache Droge mit vorübergehender Wirkung. Marihuana ist komplex und wirkt anhaltend.“ [2]

Zwei Presseberichte beschrieben die Versuche. Laut einem Bericht der New York Times von 1978 wurden die Affen darauf trainiert, umgerechnet eine Cannabiszigarette pro Tag zu rauchen. Sie rauchten an fünf Tagen pro Woche, sechs Monate lang [3].

Das Interview von 1974 beschrieb eine Studie, die von den US-amerikanischen National Institutes of Health (NIH) finanziert wurde. Das ist die medizinische Forschungsbehörde der US-Regierung. Sie umfasste 13 Affen in drei Gruppen [2]:

  • starke Exposition: etwa drei Joints pro Tag;
  • mäßige Exposition: ein Joint pro Tag;
  • Kontrollgruppe: Affen, die wirkstofffreies Cannabis rauchten. Eine Kontrollgruppe durchläuft dasselbe Verfahren ohne den aktiven Wirkstoff. So können die Forscher sie mit den exponierten Gruppen vergleichen.

Die zeitliche Reihenfolge ist entscheidend. Die Behauptung wurde 1974 öffentlich. Im selben Jahr wurde die These, Cannabis schädige das Gehirn, bei Anhörungen eines Unterausschusses des US-Senats unter dem Vorsitz von Senator James Eastland vorgetragen [4]. Danach griffen Presse und Politik sie auf.

Heaths wichtigster begutachteter Fachartikel erschien erst sechs Jahre später, 1980, in der Fachzeitschrift Biological Psychiatry [1]. „Begutachtet“ (Peer-Review) bedeutet, dass andere Wissenschaftler den Artikel geprüft haben, bevor die Zeitschrift ihn annahm. Der Artikel berichtete über zwei Studien mit insgesamt 21 Affen.

Die Autoren beschrieben auffällige Aufzeichnungen der Aktivität tiefer Hirnregionen. Außerdem beschrieben sie Veränderungen an den Synapsen, den Verbindungen zwischen Nervenzellen. Diese Veränderungen sahen sie unter dem Elektronenmikroskop. Die Öffentlichkeit hörte die Botschaft also Jahre, bevor der vollständige Artikel überprüft werden konnte.

Die öffentliche Fassung war zudem pauschaler als alles, was in den Fachartikeln stand: „Cannabis tötet Gehirnzellen“. Der Artikel von 1980 berichtete über Veränderungen der Hirnstruktur, nicht über das Absterben von Gehirnzellen.

So gehen Sie vor: Wenn Ihnen eine starke Behauptung über Cannabis begegnet, suchen Sie das Datum der ersten Pressemeldung und das Datum des wissenschaftlichen Artikels. Kam die Meldung zuerst, lesen Sie nach, was der Artikel tatsächlich berichtet, bevor Sie die Behauptung weitergeben.

2. Was danach kam: keine Wiederholung und zwei größere Studien

Kein anderes Forschungsteam hat Heaths Ergebnis je wiederholt. Stattdessen folgten zwei größere Affenstudien.

  • Das National Center for Toxicological Research (NCTR), ein Forschungszentrum der US-Regierung. Ein Team unter der Leitung von Dr. William Slikker untersuchte etwa 64 Affen. Die Hälfte wurde ein Jahr lang Marihuanarauch ausgesetzt. Die ersten Ergebnisse erschienen 1991 [5].
  • SRI International, ein US-amerikanisches Forschungsinstitut. Charles Rebert und Gordon Pryor setzten mehr als 30 Affen 6–12 Monate lang dem Rauch aus. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie 1993 [6].

1992 fasste California NORML, eine Gruppe, die sich für eine Reform der Cannabisgesetze einsetzt, beide Studien zusammen [7]. Die Gehirne der Affen wurden einige Monate nach Ende der Exposition untersucht. Keine der beiden Studien fand strukturelle oder neurochemische Veränderungen, also Veränderungen der Gehirnchemie.

Das ist die ganze wissenschaftliche Geschichte. Es gab ein auffälliges Ergebnis. Kein Team konnte es wiederholen. Zwei größere Studien widersprachen ihm.

So gehen Sie vor: Wenn Sie eine Behauptung prüfen, suchen Sie nach späteren Studien zur selben Frage, nicht nur nach der ersten. Ein einfacher Einstieg: Suchen Sie nach dem Namen des ursprünglichen Autors zusammen mit dem Thema und einem späteren Jahrzehnt.

3. Replikation: Warum eine einzelne Studie nicht reicht

Replikation bedeutet, dass ein anderes, unabhängiges Team ein Experiment wiederholt und prüft, ob es zum selben Ergebnis kommt. Bis das geschieht, ist eine einzelne Studie eine Hypothese, also eine Vermutung, die noch geprüft werden muss. Das gilt, egal wie auffällig das Ergebnis ist. Erst die Replikation macht aus einem Ergebnis gesichertes Wissen.

Eine einzelne Studie kann aus mehreren Gründen in die Irre führen. Bei wenigen Tieren oder Menschen kann schon der Zufall einen großen Unterschied erzeugen. Die Methode kann einen Fehler enthalten, den das ursprüngliche Team nicht bemerkt hat. Die Bedingungen in einem Labor können sich von denen überall sonst unterscheiden.

Deshalb muss die Wiederholung von einem unabhängigen Team kommen, nicht vom ursprünglichen Labor. Ein unabhängiges Team arbeitet mit eigener Ausrüstung und eigenem Personal. Außerdem hat es keinen Grund, sich zu wünschen, dass das erste Ergebnis stimmt.

Auch die Stichprobengröße zählt. Eine kleine Studie kann eine Frage aufwerfen, beantwortet sie aber selten allein. Heaths Arbeit umfasste 13 Affen in der 1974 beschriebenen Studie und 21 im Artikel von 1980. Die beiden späteren Studien stammten von unabhängigen Teams und umfassten etwa 64 bzw. mehr als 30 Affen. Keine von ihnen fand Hirnschäden; damit sprach die Beweislage nun gegen Heaths Behauptung.

Dieselbe Logik gilt im eigenen Anbaubetrieb. Angenommen, ein Zelt bringt eine größere Ernte, nachdem Sie ein neues Produkt eingesetzt haben. Das Produkt könnte die Ursache sein. Ebenso gut könnten ein kühlerer Monat, ein anderer Steckling oder eine bessere Charge Substrat die Ursache sein. Sie würden den Test im nächsten Durchgang wiederholen, bevor Sie den ganzen Betrieb umstellen. Noch besser ist es, wenn ein anderer Grower es ebenfalls ausprobiert und zum selben Ergebnis kommt.

So gehen Sie vor: Bevor Sie auf ein auffälliges Ergebnis hin handeln, stellen Sie eine Frage: Hat ein unabhängiges Team es wiederholt? Finden Sie keine Wiederholung, behandeln Sie das Ergebnis als offene Frage, nicht als Tatsache.

4. Der Vorwurf der „erstickten Affen“: umstritten, nicht bewiesen

In Texten von Cannabis-Befürwortern findet sich ein viel schärferer Vorwurf. Demnach hätten die Affen gar nicht im üblichen Sinn geraucht. Ihnen seien vielmehr über eine Maske innerhalb weniger Minuten große Mengen Rauch zugeführt worden, ohne ausreichend Sauerstoff. Die Schäden kämen dann von einer Kohlenmonoxidvergiftung und Sauerstoffmangel. Sie kämen nicht von den Cannabinoiden, den Wirkstoffen in Cannabis.

Der Vorwurf wird meist auf das Jahr 1980 zurückgeführt. In diesem Jahr wurden Einzelheiten dazu freigegeben, wie Heath die Affen dem Rauch aussetzte, und die Zeitschrift Playboy berichtete darüber. Laut den Darstellungen der Befürworter erfolgte die Freigabe auf Anfragen nach dem US-Informationsfreiheitsgesetz. Dieses Gesetz erlaubt es der Öffentlichkeit, Dokumente der Regierung anzufordern.

Dieser Vorwurf ist umstritten, nicht bewiesen. Er beruht auf einer bestimmten Deutung der Expositionsmethode. Kein Team hat eine Wiederholung des Experiments veröffentlicht, die ihn bestätigt, und die Fachzeitschrift hat den Artikel nicht zurückgezogen. Der ursprüngliche Playboy-Bericht und die freigegebenen Dokumente konnten für diesen Artikel nicht überprüft werden.

Die überprüfbaren Belege sagen etwas Einfacheres. Heaths Studie verlor an Glaubwürdigkeit, weil niemand sie wiederholen konnte. Diese Belege nennen keinen bestimmten Fehler, der ein falsches Ergebnis hervorgebracht hätte.

Dieser Unterschied ist wichtig, und er ist ein Grund, die Erstickungsgeschichte mit Vorsicht zu behandeln. Sie brauchen sie nicht, um Heaths Behauptung zurückzuweisen. Die gescheiterte Replikation und die zwei größeren, widersprechenden Studien reichen allein aus, und beide sind unabhängig belegt. Wer die dramatische Version als Tatsache darstellt, macht genau den Fehler, den dieser Artikel beschreibt. Diesmal macht ihn die Pro-Cannabis-Seite.

So gehen Sie vor: Wenn Sie einen Mythos richtigstellen, nutzen Sie die Begründung, die Sie belegen können. Haben Sie eine dramatischere Erklärung, können deren Quelle aber nicht prüfen, sagen Sie das deutlich oder lassen Sie sie weg.

5. Warum sich die Behauptung trotzdem hielt

Vier Kräfte hielten die Behauptung am Leben, und alle vier wirken bis heute.

Politik. Das Ergebnis fand Eingang in die politischen Reden der damaligen Zeit. Viele spätere Darstellungen nennen dabei auch Ronald Reagan, damals Gouverneur von Kalifornien. Die Drogenaufklärung wiederholte die Behauptung jahrelang. Ist eine Behauptung erst Teil eines politischen Programms, behält sie ihre Anhänger – ganz gleich, ob die Belege standhalten.

Ungleiche Berichterstattung. „Cannabis tötet Gehirnzellen“ ergibt eine Schlagzeile. „Eine Affenstudie aus den 1970er-Jahren wurde nicht wiederholt“ ergibt keine. Eine gescheiterte Replikation bekommt nur einen kleinen Teil der Aufmerksamkeit, die die erste Behauptung erhielt.

Dieses Muster lässt sich auch heute noch messen. 2022 veröffentlichten Gedin und Kollegen eine Metaanalyse in der Fachzeitschrift JAMA Network Open [8]. Eine Metaanalyse fasst die Ergebnisse vieler Studien zu einer Frage zusammen, um eine verlässlichere Gesamtantwort zu erhalten.

Diese Metaanalyse fasste randomisierte Studien zu cannabisbasierten Behandlungen gegen Schmerzen zusammen. In einer randomisierten Studie entscheidet der Zufall, wer die Behandlung und wer ein Placebo erhält. Ein Placebo ist eine Scheinbehandlung, die genauso aussieht wie die echte. Insgesamt unterschied sich die Schmerzlinderung durch Cannabinoide nicht signifikant vom Placebo. Trotzdem war die Medienaufmerksamkeit hoch und überwiegend positiv, ganz gleich, was die einzelne Studie ergeben hatte.

Altes Material bleibt im Umlauf. Hat eine Schule oder Behörde Aufklärungsmaterial erst einmal gedruckt und verteilt, bleibt es in Gebrauch. Lehrkräfte, die die Behauptung gelernt haben, geben sie weiter.

Sie passte zu dem, was die Leute ohnehin glaubten. Behauptungen halten sich am längsten, wenn ein Publikum bereit ist, sie anzunehmen. Das gilt in beide Richtungen. Teil 2 zeigt dasselbe Muster auf der Pro-Cannabis-Seite, anhand alter Feldstudien aus Jamaika und Costa Rica.

So gehen Sie vor: Wenn ein Beitrag oder eine Meldung über ein spektakuläres Cannabis-Ergebnis berichtet, schauen Sie nach, was danach kam. Suchen Sie nach späteren Studien oder nach einer Metaanalyse zur selben Frage. Beurteilen Sie die Behauptung nach diesen Folgearbeiten, nicht nach der Schlagzeile.

Anmerkung der Übersetzung: Dieselben vier Kräfte wirken auch bei Anbau-Ratschlägen in Thailand und Südostasien. Ein auffälliges Ergebnis zu einem Dünger, einem Zusatzmittel oder einer Änderung der Beleuchtung verbreitet sich schnell über Läden, soziale Medien und Gruppenchats. Ein späterer Test, der keine Wirkung findet, verbreitet sich selten so weit. Viele Versuche finden außerdem in kühleren Klimazonen oder in klimatisierten Räumen statt. Ihre Ergebnisse gelten womöglich nicht bei 30–35 °C, bei der Luftfeuchtigkeit der Regenzeit oder in einem Betrieb mit häufigen Stromausfällen.

Anmerkung der Übersetzung: Bevor Sie den ganzen Betrieb umstellen, testen Sie die Änderung mindestens einen vollen Durchgang lang an einer kleinen Charge. Bauen Sie daneben eine unveränderte Charge als Kontrolle an. Notieren Sie für beide Chargen Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Düngung und Ertrag. So sehen Sie, ob das Ergebnis unter Ihren eigenen Bedingungen Bestand hat und nicht nur im Versuch eines anderen.

Fragen oder eigene Testergebnisse können Sie gern in den Antworten unter diesem Thema teilen.

Quellen

  1. Heath RG, Fitzjarrell AT, Fontana CJ, Garey RE. Cannabis sativa: effects on brain function and ultrastructure in rhesus monkeys. Biological Psychiatry. 1980;15(5).
  2. Chandler D. „Pot Is Safe, Right? Wrong, Says a Doctor: It Can Cause Brain Damage.“ People, 9. Dezember 1974. https://people.com/archive/pot-is-safe-right-wrong-says-a-doctor-it-can-cause-brain-damage-vol-2-no-24/
  3. Rensberger B. „Marijuana Tied to Brain Change in Monkey Tests.“ The New York Times, 13. Januar 1978. https://www.nytimes.com/1978/01/13/archives/marijuana-tied-to-brain-change-in-monkey-tests.html
  4. US-Senat, Committee on the Judiciary, Subcommittee to Investigate the Administration of the Internal Security Act. Marihuana-Hashish Epidemic and Its Impact on United States Security. Anhörungen, 93. Kongress, 2. Sitzungsperiode – 94. Kongress, 1. Sitzungsperiode (9. Mai 1974 – 8. Mai 1975). https://catalog.hathitrust.org/Record/001278569
  5. Slikker W Jr, Paule MG, Ali SF, Scallet AC, Bailey JR. Chronic marijuana smoke exposure in the rhesus monkey. I. Plasma cannabinoid and blood carboxyhemoglobin concentrations and clinical chemistry parameters. Fundamental and Applied Toxicology. 1991;17(2):321–334. doi:10.1016/0272-0590(91)90222-p
  6. Rebert CS, Pryor GT. Chronic inhalation of marihuana smoke and brain electrophysiology of rhesus monkeys. International Journal of Psychophysiology. 1993;14(2):144 (Abstract). doi:10.1016/0167-8760(93)90230-m
  7. California NORML Reports, April 1992 (Nachdruck bei Erowid). https://www.erowid.org/plants/cannabis/cannabis_myth16.shtml
  8. Gedin F, Blomé S, Pontén M, et al. Placebo response and media attention in randomized clinical trials assessing cannabis-based therapies for pain: a systematic review and meta-analysis. JAMA Network Open. 2022;5(11):e2243848. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36441553/

Allgemeine Bildungsinformation zur Bewertung wissenschaftlicher Aussagen. Keine medizinische Beratung.

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