Growroom-Klimasteuerung: VPD, Temperatur, Luftfeuchtigkeit — Leitfaden 2026

Das Dampfdruckdefizit (VPD) ist der entscheidende Klimaparameter im modernen Cannabisanbau. Waehrend viele Grower sich ausschliesslich auf die relative Luftfeuchtigkeit (RH) konzentrieren, integriert der VPD-Wert sowohl Temperatur als auch Feuchtigkeit in eine einzige Kennzahl, die den tatsaechlichen Transpirationsdruck der Pflanze widerspiegelt. Ein optimaler VPD foerdert die Naehrstoffaufnahme, reguliert die Stomata-Oeffnung und minimiert das Risiko von Schimmelbefall. Dieser Leitfaden behandelt alle Aspekte der Growroom-Klimasteuerung — von der VPD-Berechnung ueber Temperaturstrategien bis hin zur Geraeteauswahl — und richtet sich an Anfaenger wie Fortgeschrittene gleichermassen.


1. VPD — Wissenschaft und Formel

Saettigungsdampfdruck (SVP)

Der Saettigungsdampfdruck beschreibt den maximalen Wasserdampfgehalt, den Luft bei einer bestimmten Temperatur aufnehmen kann. Er wird mit der Magnus-Formel berechnet:

SVP = 0.6108 x exp[(17.27 x T) / (T + 237.3)]

Dabei ist T die Temperatur in Grad Celsius und SVP der Saettigungsdampfdruck in Kilopascal (kPa).

VPD-Berechnung

Das Dampfdruckdefizit ergibt sich aus der Differenz zwischen dem Saettigungsdampfdruck und dem tatsaechlichen Dampfdruck:

VPD = SVP x [1 - (RH / 100)]

Ein hoeherer VPD bedeutet trockenere Luft und staerkere Transpiration; ein niedrigerer VPD zeigt feuchtere Bedingungen an.

Blatt-VPD vs. Luft-VPD

Es ist wichtig, zwischen Luft-VPD und Blatt-VPD zu unterscheiden. Die Blattoberflaeche ist typischerweise 2-3 Grad Celsius kuehler als die Umgebungsluft, bedingt durch die Verdunstungskaelte bei der Transpiration. Fuer praezise Steuerung sollte der Blatt-VPD verwendet werden, der den SVP anhand der Blatttemperatur berechnet. Infrarot-Thermometer ermoeglichen eine direkte Messung der Blattoberflaeche. Die meisten VPD-Tabellen basieren jedoch auf der Lufttemperatur, weshalb ein Korrekturfaktor von -2 Grad Celsius auf die gemessene Raumtemperatur angewendet werden sollte.


2. VPD nach Wachstumsphase

Empfohlene VPD-Bereiche

Phase VPD (kPa) Hinweis
Klon 0.4 - 0.8 Minimale Transpiration, hohe Luftfeuchtigkeit unter Haube
Saemling 0.5 - 0.8 Wurzelentwicklung foerdern, Stress vermeiden
Vegetativ 0.8 - 1.2 Aktive Transpiration, starkes Blattwachstum
Streckung 1.0 - 1.4 Uebergang zur Bluete, erhoehter Naehrstoffbedarf
Fruehe Bluete 1.0 - 1.5 Bluetenbildung, Botrytis-Praevention beginnt
Spaete Bluete 1.0 - 1.4 Dichte Bluetenstaende, Schimmelrisiko beachten
Reifung 1.2 - 1.6 Letzte 2 Wochen, trockenere Bedingungen bevorzugt

VPD-Nachschlagetabelle (kPa)

Die folgende Tabelle zeigt berechnete VPD-Werte fuer gaengige Temperatur- und Feuchtigkeitskombinationen:

Temp (C) RH 40% RH 50% RH 60% RH 70% RH 80%
18 1.24 1.03 0.83 0.62 0.41
20 1.40 1.17 0.94 0.70 0.47
22 1.59 1.32 1.06 0.79 0.53
24 1.79 1.49 1.19 0.90 0.60
26 2.02 1.68 1.35 1.01 0.67
28 2.27 1.89 1.51 1.13 0.76
30 2.55 2.12 1.70 1.27 0.85

Werte berechnet mit der Magnus-Formel. Fuer Blatt-VPD ca. 0.15-0.25 kPa abziehen.


3. Temperatur: DIF, Cannabinoide und Terpene

Temperaturempfehlungen nach Phase

Phase Tag (C) Nacht (C) DIF (C)
Klon 24 - 26 22 - 24 +2
Saemling 22 - 26 20 - 22 +2 bis +4
Vegetativ 24 - 28 20 - 24 +4 bis +6
Bluete 22 - 26 18 - 22 +4 bis +6
Reifung 20 - 24 15 - 18 +5 bis +8

DIF-Effekte (Differenz Tag minus Nacht)

DIF-Typ Differenz (C) Wirkung
Positives DIF +4 bis +8 Staengelstreckung, schnelleres Hoehenswachstum
Negatives DIF -2 bis -4 Kompaktes Wachstum, kuerzere Internodien
Nachtabkuehlung +6 bis +10 Anthocyan-Auspraegung, Farbentwicklung (violett)

Einfluss auf Cannabinoide und Terpene

Forschungsergebnisse zeigen, dass moderate Tagestemperaturen von 24-26 Grad Celsius die THC-Biosynthese optimieren. Temperaturen ueber 30 Grad Celsius koennen zur Degradation von THC zu CBN fuehren und den Terpengehalt durch Verdunstung reduzieren. Monoterpene wie Myrcen und Limonen sind besonders temperatursensitiv und verfluechtigen sich bei Temperaturen ueber 28 Grad Celsius verstaerkt.

UV-B-Strahlung in Kombination mit Temperaturen um 25 Grad Celsius kann die Trichomproduktion stimulieren. Kuehle Nachttemperaturen von 18-20 Grad Celsius foerdern die Terpenretention, da die niedrigere Verdunstungsrate die fluechtige Verbindungen in den Trichomkoepfen haelt.


4. Nachttemperatur-Management

Anthocyanin-Auspraegung

Anthocyane sind wasserloeliche Pigmente, die bei Nachttemperaturen zwischen 15 und 18 Grad Celsius verstaerkt gebildet werden. Nicht alle Sorten reagieren gleich — genetische Veranlagung ist Voraussetzung. Sorten mit Purple-Genetik zeigen bei kuehlen Naechten ausgepraegteren violetten, blauen oder rosafarbenen Toenen in Blaettern und Bluetenkelchen.

Die Anthocyanin-Synthese wird durch den Abbau von Chlorophyll bei niedrigen Temperaturen sichtbar. Die Pigmente selbst haben keine bekannte Auswirkung auf Potenz oder Wirkung, koennen aber den Marktwert erhoehen.

Cool Night Finish — Technik

In den letzten zwei Wochen vor der Ernte kann eine gezielte Nachttemperaturabsenkung auf 15-18 Grad Celsius angewendet werden:

  • Woche 7-8 der Bluete: Nachttemperatur schrittweise auf 15-18 Grad Celsius senken
  • Tagestemperatur bei 22-24 Grad Celsius halten, DIF von +6 bis +8 Grad Celsius
  • Luftfeuchtigkeit unter 45% halten, um Botrytis zu vermeiden
  • Frischluft in der Dunkelphase nutzen, falls Aussentemperatur passt
  • Langsam absenken (1-2 Grad Celsius pro Tag), keinen Temperaturschock verursachen

Diese Technik verbessert die Farb-Auspraegung, foerdert die Terpenretention und kann die Harzproduktion stimulieren.


5. Luftfeuchtigkeitssteuerung

Entfeuchtungstypen im Vergleich

Typ Funktionsprinzip Optimale Temperatur Vorteile Nachteile
Kaeltemittel (Refrigerant) Luft wird ueber kalte Spulen gefuehrt, Kondensat aufgefangen ueber 20 C Energieeffizient bei Waerme, grosse Kapazitaet Leistung sinkt unter 15 C, erzeugt Abwaerme
Adsorption (Desiccant) Feuchtigkeitsabsorption durch Trockenmittel (Silikagel/Zeolith) 5 - 35 C Funktioniert bei niedrigen Temperaturen, leise Hoehere Energiekosten, regelmaessige Regeneration
Zentralentfeuchtung (Whole-house) Integration ins HVAC-System, entfeuchtet Gesamtluft 18 - 30 C Gleichmaessige Entfeuchtung, platzsparend im Growroom Hohe Installationskosten, professionelle Planung noetig

Geraeteempfehlungen

Marke / Modell Kapazitaet (Liter/Tag) Raumgroesse (m2) Anmerkung
Quest 105 45 bis 30 Standard fuer kleine bis mittlere Grows
Quest 155 65 30 - 50 Bewaeht im kommerziellen Bereich
Quest 205 90 50 - 80 Industriestandard, Deckenmontage moeglich
Anden A70V 30 bis 20 Kompakt, gute Steuerung, hoehere Preisklasse
Anden A130V 55 20 - 45 Praezise Feuchtigkeitsregelung, Gewerbequalitaet
AC Infinity CLOUDFORGE T7 25 bis 18 Budget-freundlich, App-Steuerung, Hobby-Bereich
Santa Fe Advance 2 50 25 - 45 Robust, leise, fuer Dauerbetrieb ausgelegt

6. HVAC und BTU-Berechnung

Grundformel

BTU = Watts x 3.41 + Umgebungsfaktor

Der Umgebungsfaktor beruecksichtigt Isolation, Sonneneinstrahlung und externe Waermequellen. Fuer gut isolierte Growrooms rechnet man mit einem Zuschlag von 10-20%, fuer schlecht isolierte Raeume 30-50%.

Waermeentwicklung nach Lichttyp

Lichttyp BTU pro kW Abwaerme-Anteil Anmerkung
HPS (Natriumdampf) 3410 ca. 96% als Waerme Hoechste Waermelast, Abluft zwingend
LED (Vollspektrum) 2046 ca. 60% als Waerme Geringere Waermelast, aber Raumheizung im Winter noetig
CMH (Keramik-Metallhalogenid) 3100 ca. 90% als Waerme Gutes Spektrum, moderate Waerme

Kuehlsysteme im Vergleich

Merkmal Mini-Split Zentrale Klimaanlage
Installation Einfach, kein Kanalsystem Komplex, Kanalsystem erforderlich
Zonensteuerung Einzelne Raeume individuell Gesamtgebaeude einheitlich
Energieeffizienz (SEER) 15 - 25 13 - 18
Kosten (Installation) 800 - 2500 EUR pro Einheit 3000 - 8000 EUR gesamt
Geraeuschpegel Leise (20-40 dB innen) Mittel (40-55 dB)
Wartung Gering, Filter reinigen Regelmaessig, Kanaele pruefen
Empfehlung 1-4 Raeume Gesamte Anlage ab 5+ Raeumen

7. Luftstrom und Kohlefilter

CFM-Berechnung

CFM = Raumvolumen (Kubikfuss) / Austauschzeit (Minuten)

Fuer Cannabisanbau wird ein Luftaustausch alle 1-3 Minuten empfohlen. Temperatur, CO2-Anreicherung und Geruchskontrolle beeinflussen den gewaehlten Wert.

Umrechnung: 1 Kubikmeter = 35.31 Kubikfuss

Kohlefilter-Dimensionierung

Raumvolumen (m3) Empfohlener CFM Filterdurchmesser (Zoll) Filterlaenge (cm)
bis 5 100 - 150 4 30
5 - 15 150 - 300 6 40
15 - 30 300 - 500 8 60
30 - 60 500 - 800 10 75
ueber 60 800 - 1500 12 100

Negativer Druck

Ein leichter Unterdruck im Growroom verhindert das unkontrollierte Austreten von Geruchen. Der Abluftventilator sollte 10-15% mehr Leistung haben als die Zuluft. Dies erzeugt einen negativen Druck, der sicherstellt, dass Luft nur durch den Kohlefilter den Raum verlaesst.

Praktischer Test: Bei korrektem Unterdruck werden die Waende des Growzelts leicht nach innen gezogen. Ein zu starker Unterdruck kann jedoch die Luftzirkulation und den CO2-Gehalt negativ beeinflussen.


8. Botrytis und Echter Mehltau

Erreger im Vergleich

Merkmal Botrytis (Grauschimmel) Echter Mehltau (Powdery Mildew)
Erreger Botrytis cinerea Erysiphaceae (div. Arten)
RH-Schwelle ueber 60% (kritisch ab 70%) ueber 55% (Sporen keimen ab 40%)
Temperatur 15 - 25 C optimal 20 - 30 C optimal
Angriffsort Bluetenstaende (von innen nach aussen) Blattoberflaechen (weisser Belag)
Sichtbarkeit Oft erst bei Ernte erkennbar Frueh sichtbar als weisser Belag
Schadensmuster Braune, matschige Stellen in Blueten Weiss-graues Pulver auf Blaettern
Praevention RH unter 50%, guter Luftstrom RH unter 55%, Blattentfernung

Sichere Zone

Fuer die Bluetephase gilt ein RH-Bereich von 45-50% als sichere Zone, in der weder Botrytis noch Mehltau gute Bedingungen vorfinden. Gleichzeitig erlaubt dieser Bereich eine ausreichende Transpiration.

Relative Luftfeuchtigkeit nach Bluetenwoche

Bluetenwoche Ziel-RH (%) Begruendung
Woche 1 55 - 60 Streckungsphase, noch geringe Bluetendichte
Woche 2 55 - 60 Bluetenansatz, moderater Luftstrom
Woche 3 50 - 55 Blueten verdichten sich, RH senken
Woche 4 50 - 55 Calyxbildung, Trichome erscheinen
Woche 5 45 - 50 Dichte Blueten, Botrytis-Risiko steigt
Woche 6 45 - 50 Maximale Bluetendichte, strenge Kontrolle
Woche 7 40 - 50 Reifung, Terpene schuetzen
Woche 8 40 - 45 Erntevorbereitung, Trockenstress akzeptabel

9. Umgebungscontroller

Controller im Vergleich

Merkmal Pulse Trolmaster Hydro-X AC Infinity 69 Pro Inkbird ITC-308
Typ Monitoring + Steuerung Vollautomation Luefter-Steuerung Einfache Temperatur
Sensoren Temp, RH, VPD, Licht, CO2 Temp, RH, CO2, EC, pH Temp, RH Temp
VPD-Anzeige Ja, integriert Ja, mit Berechnung Ja Nein
App-Steuerung Ja (Cloud) Ja (Cloud) Ja (Bluetooth/WiFi) Nein
Alarmfunktion Ja, Push-Benachrichtigung Ja, Push + Email Ja, App-Alarm Nein
Erweiterbar Module zukaeulich Umfangreiches Zubehoer AC Infinity Oekosystem Nein
Preis (EUR) 200 - 350 300 - 800+ 80 - 150 20 - 35
Zielgruppe Hobby bis Gewerbe Gewerbe, Grossanbau Hobby, kleiner Gewerbe Anfaenger

Empfehlung nach Betriebsgroesse

Groesse Raumflaaeche Empfehlung Begruendung
Klein bis 4 m2 AC Infinity 69 Pro oder Inkbird Kostenguenstig, ausreichende Kontrolle
Mittel 4 - 20 m2 Pulse One VPD-Monitoring, Cloud-Zugang, gutes Preis-Leistung
Gross ueber 20 m2 Trolmaster Hydro-X Volle Automation, mehrzonen, skalierbar

10. Gesamtzusammenfassung

Master-Tabelle: Alle Parameter nach Wachstumsphase

Parameter Klon Saemling Vegetativ Bluete Reifung
Tagtemp (C) 24 - 26 22 - 26 24 - 28 22 - 26 20 - 24
Nachttemp (C) 22 - 24 20 - 22 20 - 24 18 - 22 15 - 18
DIF (C) +2 +2 bis +4 +4 bis +6 +4 bis +6 +5 bis +8
Relative LF (%) 70 - 80 65 - 75 55 - 65 40 - 55 40 - 45
VPD (kPa) 0.4 - 0.8 0.5 - 0.8 0.8 - 1.2 1.0 - 1.5 1.2 - 1.6
CO2 (ppm) 400 400 - 600 800 - 1200 800 - 1200 400
Luftstrom Minimal Leichte Brise Moderater Wind Stark, direkt Moderat

Taegliche Checkliste

  1. Temperatur pruefen: Tag- und Nachttemperatur im Zielbereich? DIF korrekt?
  2. Luftfeuchtigkeit kontrollieren: RH-Werte ablesen, Entfeuchter nachfuellen oder leeren.
  3. VPD berechnen: Aktuellen VPD aus Temperatur und RH ermitteln, mit Phasen-Zielwert vergleichen.
  4. Luftstrom ueberpruefen: Ventilatoren funktionieren, Kohlefilter nicht verstopft, negativer Druck vorhanden.
  5. Pflanzen inspizieren: Blattraender auf Trockenstress oder Turgeszenz pruefen, Unterseiten auf Mehltau kontrollieren.
  6. Geraeteprotokoll fuehren: Alle Messwerte notieren oder digitale Logger kontrollieren, Trends erkennen.

Quellenverzeichnis

  • Viet Growers Community (2015). Viet Grower Handbook. Community Press.
  • Chandra, S. et al. (2017). “Cannabis cultivation: Methodological issues for obtaining medical-grade product.” Epilepsy & Behavior, 70, 302-312.
  • Backer, R. et al. (2019). “Closing the yield gap for cannabis: A meta-analysis of factors determining cannabis yield.” Frontiers in Plant Science, 10, 495.
  • Runkle, E. (2009). “Technically Speaking: The DIF Strategy.” Greenhouse Product News, Michigan State University Extension.
  • ASHRAE (2023). Handbook — HVAC Applications: Environmental Control for Indoor Agriculture. American Society of Heating, Refrigerating and Air-Conditioning Engineers.

Haftungsausschluss

Dieser Artikel dient ausschliesslich Bildungs- und Informationszwecken. Der Anbau von Cannabis unterliegt in den meisten Laendern gesetzlichen Regelungen. In Thailand gelten der Controlled Herbs Act 2025 und die Ministerialverordnung B.E. 2569 (April 2026), die den Anbau, Besitz und Verkauf von Cannabis als kontrolliertes Kraut regulieren. Leser muessen die jeweils geltenden Gesetze ihres Landes beachten und sind selbst fuer die Einhaltung aller rechtlichen Vorgaben verantwortlich. Die Asiannabis Community uebernimmt keine Haftung fuer Handlungen, die auf Grundlage dieses Artikels vorgenommen werden.


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