Lichtspektrum & DLI: Die Wissenschaft der Cannabis-Beleuchtung

Artikel 12 – Wie Lichtqualität, -menge und -timing das Cannabiswachstum, die Cannabinoidproduktion und den Ertrag steuern.


1. PAR vs. ePAR – Nutzlicht neu definiert

Jahrzehntelang wurde PAR (Photosynthetisch Aktive Strahlung) als 400–700 nm definiert (McCree 1972). Dieser Bereich erfasst die Wellenlängen, die Chlorophyll a und b am stärksten absorbieren. Neuere Forschungen haben unser Verständnis jedoch erweitert.

ePAR (erweitertes PAR) deckt 380–760 nm ab, wie von Zhen & Bugbee (2020–2022) an der Utah State University vorgeschlagen. Ihre zentrale Erkenntnis: Dunkelrote Photonen (701–750 nm) sind keineswegs inaktiv – sie steigern die Photosynthese synergistisch, wenn sie gleichzeitig mit 400–700 nm-Licht appliziert werden.

Die McCree-Kurve

Das McCree-Aktionsspektrum beschreibt den relativen Quantenertrag der Photosynthese bei jeder Wellenlänge:

  • Peak 1: ~630 nm (Rot) – höchste Quanteneffizienz
  • Peak 2: ~440 nm (Blau) – zweiter Peak
  • Grün (500–600 nm): etwa 20 % niedriger als Rot, aber weiterhin photosynthetisch aktiv
  • UV- und Dunkelrot-Flanken: traditionell ausgeschlossen, unter ePAR neu bewertet

Warum ePAR für Grower wichtig ist: Wenn Ihre Leuchte nennenswert Dunkelrot emittiert, unterschätzen herkömmliche PAR-Messgeräte den tatsächlichen photosynthetischen Beitrag. Sensoren, die auf ePAR (380–760 nm) kalibriert sind, liefern ein genaueres Bild des pflanzenverfügbaren Lichts.


2. PPFD korrekt messen

Schlechte Messung ist die mit Abstand häufigste Fehlerquelle bei der Innenbeleuchtung. Befolgen Sie diese Richtlinien:

Faktor Richtlinie
Sensorposition Kronenhöhe, horizontal gehalten
Raster Mindestens 9 Punkte pro Leuchte: 4 Ecken, 4 Mittelpunkte, 1 Zentrum
Einheit umol/m2/s (PPFD) – NICHT Lux
Sensor Quantumsensor (Apogee, LI-COR)

Gleichmäßigkeitsverhältnis

Gleichmäßigkeitsverhältnis = PPFD_min / PPFD_avg

Bewertung Verhältnis
Ausgezeichnet 0,85–0,90
Gut 0,75–0,85
Akzeptabel 0,65–0,75
Schlecht < 0,65

Ziel: 0,75–0,90 für kommerzielle Anlagen.

Häufige Messfehler

  1. Nur-Mitte-Messung – die Mitte ist immer die hellste; dies überschätzt den PPFD-Durchschnitt um 15–30 %
  2. Falsche Höhe – auf Kronenhöhe messen, nicht auf Leuchtenhöhe
  3. Luxmeter verwenden – Lux ist für das menschliche Sehen gewichtet (grünlastig), nicht für die Pflanzenphotosynthese
  4. Reflexionen ignorieren – weiße Wände und Mylar erhöhen den Rand-PPFD erheblich
  5. LED-Degradierung ignorieren – LEDs verlieren über 25.000–30.000 Stunden 5–15 % Leistung; jährlich nachmessen

3. DLI nach Wachstumsphase

DLI (Daily Light Integral) ist die täglich gelieferte Gesamtmenge photosynthetischer Photonen, gemessen in mol/m2/Tag.

Formel

DLI (mol/m2/Tag) = PPFD (umol/m2/s) x Stunden x 3600 / 1.000.000

Beispiel: 800 umol/m2/s x 12 h x 3600 / 1.000.000 = 34,56 mol/m2/Tag

DLI-Zielwerte nach Phase

Phase DLI (mol/m2/Tag) PPFD (umol/m2/s) Lichtzyklus
Keimling / Steckling 6–19 100–300 18 h
Frühe Veg 13–26 200–400 18 h
Späte Veg 26–39 400–600 18 h
Frühe Blüte (Wo. 1–3) 26–35 600–800 12 h
Vollblüte (Wo. 4–8+) 35–43 800–1.000 12 h
Blüte + CO2 43–65 1.000–1.500 12 h

Kommerzielles Optimum: 38–43 mol/m2/Tag in der Blüte.

Rodriguez-Morrison et al. (2021, Frontiers in Plant Science 12:646020) zeigten, dass der Infloreszenzenertrag linear von 116 auf 519 g/m2 anstieg, als die Lichtintensität bei einem 12-h-Fotoperiod von 120 auf 1.800 umol/m2/s erhöht wurde – eine der stärksten Dosis-Wirkungs-Beziehungen, die bisher für Cannabis dokumentiert wurden.


4. Blaues Licht (400–500 nm)

Blaues Licht spielt über Cryptochrom- und Phototropin-Photorezeptoren eine entscheidende Rolle bei der Cannabis-Morphologie.

Morphologische Auswirkungen

  • Stängelbiomasse: +15,1 %
  • Blattanzahl: +13,7 %
  • Stängeldurchmesser: +10,2 %
  • Wurzellänge: +6,8 %
  • Chlorophyllgehalt: +7,4 %

Blaues Licht erzeugt kürzere, buschigere Pflanzen – wünschenswert für das Kronenmanagement.

Auswirkungen auf Cannabinoide und Terpene

Parameter Bei hohem Blauanteil
THC-Konzentration 10,17 % (höchster Wert)
Gesamt-THC pro Pflanze 1,44 g (niedrigster Wert – durch reduzierte Biomasse)
Linalool 0,847 mg/g
Alpha-Pinen 5,73 mg/g

Der Blaues-Licht-Kompromiss

Westmoreland (2021) fand heraus, dass jede Zunahme des Blauanteils um 1 % den Ertrag linear um 0,6 % senkt. Mehr Blau = kompaktere Pflanzen mit höherer Cannabinoidkonzentration, aber geringerem Gesamterntegewicht.

Optimaler Blauanteil in der Blüte: 4–10 %.


5. Rotes Licht (600–700 nm)

Rotes Licht ist das Arbeitspferd der Photosynthese mit einer ~25 % höheren Quanteneffizienz als blaue Photonen.

Doppelte Rot-Peaks

Forschungen zeigen, dass die Kombination von 640 nm + 660 nm Rot bessere Ergebnisse liefert als 660 nm allein. Der Doppelpeak-Ansatz trifft die Absorptionsprofile sowohl von Chlorophyll a als auch von Chlorophyll b besser.

Phytochrom-System

Das Phytochromsystem ist der Rot-/Dunkelrot-Lichtsensor der Pflanze:

  • Pr (inaktive Form): absorbiert rotes Licht bei 660 nm, wird zu Pfr umgewandelt
  • Pfr (aktive Form): absorbiert Dunkelrot bei 730 nm, wird zurück zu Pr umgewandelt
  • Dunkelreversion: Pfr wandelt sich während der Dunkelheit langsam zu Pr zurück

Blühauslöser: Cannabis blüht, wenn das Pfr:Ptotal-Verhältnis während einer ununterbrochenen Dunkelperiode von 9–10+ Stunden unter einen kritischen Schwellenwert sinkt.


6. Dunkelrotes Licht (700–780 nm)

Emerson-Verstärkungseffekt

Wenn rote und dunkelrote Photonen gleichzeitig appliziert werden, übersteigt die Photosyntheserate die Summe der einzeln applizierten Raten. Dies ist der Emerson-Verstärkungseffekt, der durch die Koordination von Photosystem I (Dunkelrot) und Photosystem II (Rot) wirkt.

Peterswald et al. (2025) – Bahnbrechende Ergebnisse

Behandlung Beschreibung Ergebnis (Northern Lights)
12L (Kontrolle) 12 h normales Licht Cannabinoid: 0,25 g/Pflanze
10L_2D 10 h Licht + 2 h Dunkelrot zu Beginn der Dunkelheit Cannabinoid: 0,43 g/Pflanze (+70 %)
10L_2 10 h Licht + 2 h Dunkelrot am Ende des Lichts Leichte Zunahme
12L_2_2D 12 h Licht + 4 h Dunkelrot gesamt VERZÖGERTE Blüte, reduzierte Blütenbiomasse

Wichtigste Erkenntnisse:

  • 10L_2D-Protokoll: +70 % Cannabinoidertrag, THCA +25 %
  • Energieeinsparung: 5,5 % weniger Strom im Vergleich zu Standard-12L
  • WARNUNG: Zu viel Dunkelrot (12L + 4 h Dunkelrot) zerstört den Blütenertrag und verzögert die Blüte

Schattenvermeidungsreaktion

Dunkelrot löst über Auxin-Umverteilung das Schattenvermeidungssyndrom aus, was zu Stängelstreckung führt. Dies ist unkontrolliert unerwünscht, kann aber strategisch für den Internodenabstand genutzt werden.


7. UV-Licht – Fakt von Übertreibung trennen

UV-Effekte auf Cannabis werden häufig übertrieben dargestellt. Hier ist, was die Forschung tatsächlich zeigt:

UV-B-Studien

  • Lydon (1987): THC stieg von 2,5 % auf 3,1 % (~24 % relative Zunahme) – ein bescheidenes Ergebnis, oft als dramatisch zitiert
  • Rodriguez-Morrison (2021): THC und CBD SANKEN tatsächlich bei erhöhter UV-B-Exposition – entgegen der populären These

UV-A-Studien

  • Zheng (2025): UV-A bei 395 nm lieferte überzeugende Ergebnisse:
    • CBD-Ertrag: +44,1 %
    • CBG-Ertrag: +91,8 %

Empfohlenes UV-Protokoll

Parameter Empfehlung
UVA:UVB-Verhältnis 99:1
Intensität ~1,8 W/m2
Dauer 3–4 Stunden/Tag
Phase Blüte (Woche 4–8)
Hauptzweck Terpene steigern

UV-A erscheint die produktivere Wellenlänge für Cannabis zu sein. UV-B ist stressig und die Ergebnisse sind inkonsistent.


8. Grünes Licht (500–600 nm) – Mythos widerlegt

Der Mythos

“Pflanzen sind grün, weil sie alles grüne Licht reflektieren – grüne LEDs sind verschwendete Energie.”

Die Realität

  • Ganze Blätter absorbieren >70 % der grünen Photonen (McCree 1972)
  • Der 5–10 %-Absorptionswert stammt aus extrahiertem Chlorophyll in Lösung, nicht aus intakten Blättern
  • Bei hohem PPFD sind grüne Photonen tatsächlich effizienter als zusätzliches Rot oder Blau (Terashima 2009)
  • Grünes Licht dringt tief in den Bestand ein und treibt die Photosynthese in unteren und inneren Blättern an, die Rot/Blau nicht erreichen kann

Grünes Licht ist nicht verschwendet. Breitspektrum-Leuchten, die Grün einschließen, erzeugen gesündere und produktivere Bestände als schmale Rot+Blau-Spektren.


9. Lichtzykluswissenschaft

Fotoperiod-Anforderungen

Cannabis ist eine fakultative Kurztagspflanze. Sie benötigt 9–10 Stunden ununterbrochene Dunkelheit, um die Blüte auszulösen und aufrechtzuerhalten.

Lichtverschmutzungs-Schwellenwerte

Lichtquelle PAR-Intensität Sicher?
Mondlicht ~0,002 umol/m2/s Sicher
Strenger Schwellenwert < 0,01 umol/m2/s Sicher
Verursacht Verzögerung 0,1 umol/m2/s (~5–7 Lux) GEFÄHRLICH
Empfindliche Sorten > 0,01 umol/m2/s (~0,5 Lux) GEFÄHRLICH

Folgen von Lichtverschmutzung

  • Verzögerte Blüte: 1–3 Wochen
  • Hermaphroditismus: stressbedingte männliche Blüten an weiblichen Pflanzen
  • Ertragsverlust: unvollständige Blütenentwicklung

Gas Lantern Routine (GLR)

Ein alternativer vegetativer Lichtzeitplan:

12 h Licht / 5,5 h Dunkel / 1 h Licht / 5,5 h Dunkel
  • Verhindert Blüte (die 1-stündige Unterbrechung setzt die Dunkelperiode zurück)
  • Spart ~28 % Strom im Vergleich zu 18/6
  • Nicht bei allen Sorten universell zuverlässig

10. Kommerzieller LED-Vergleich 2025–2026

Spitzenklasse-Leuchten

Leuchte Effizienz (umol/J) PPF (umol/s) Leistung Hinweise
Fluence VYPR 4i · BROAD R8 · Klarglas 3,3 2.730 ~834 W Datenblatt 04/2025
Fluence VYPR 4i · BROAD R8 · Weitstrahl 3,2 2.660 ~834 W Datenblatt 04/2025
HLG Scorpion Diablo 3,2 2.130 ~665 W Samsung LM301H
Gavita Pro RS 2400e 3,2 ~2.400 ~750 W Samsung + Osram
IONFrame EVO4 3,14 ~940 300 W Samsung LM301H EVO
Gavita CT 2000e 3,0 2.000 650 W Erweitertes Blau

Effizienzstandards 2026

Niveau Effizienz (umol/J)
Mindestakzeptabel 2,5
Guter kommerzieller Standard 2,8
Premium 3,0+
Stand der Technik 3,3–3,6

Liegt Ihre Leuchte unter 2,5 umol/J, amortisiert sich eine Aufrüstung wahrscheinlich innerhalb von 12–18 Monaten allein durch Energieeinsparungen.


11. Praktische Empfehlungen – Zusammenfassung

Faktor Empfehlung
Licht Breitspektrum-LED, >= 2,8 umol/J
PPFD Veg 400–600 umol/m2/s (18 h)
PPFD Blüte 800–1.000 umol/m2/s (12 h); 1.000–1.500 mit CO2
DLI Blüte 38–43 mol/m2/Tag
Blauanteil 4–10 %
Dunkelrot EOD-2h-Protokoll testen, mit niedriger Dosis beginnen
UV-A 1,8 W/m2, UVA:B-Verhältnis 99:1, 3–4 h/Tag in der Spätblüte
Dunkelheit Absolut < 0,01 umol/m2/s
CO2 1.000–1.500 ppm bei PPFD > 800
Gleichmäßigkeit Verhältnis > 0,75, mindestens 9 Punkte messen

Haftungsausschluss

Dieser Artikel dient ausschließlich Bildungs- und Forschungszwecken. Der Cannabisanbau in Thailand ist durch die Bekanntmachung über kontrollierte Kräuter (Cannabis) B.E. 2568 und die Ministerialverordnung B.E. 2569 (in Kraft ab April 2026) geregelt. Anbauer müssen eine gültige Lizenz besitzen und alle geltenden Vorschriften einhalten. Dieser Inhalt fördert weder illegalen Anbau noch Freizeitkonsum.


Referenzen

  1. Zhen S, Bugbee B (2020). Frontiers in Plant Science
  2. Rodriguez-Morrison V et al. (2025). Scientific Reports (Nature)
  3. Westmoreland FM et al. (2021). PLOS ONE
  4. Danziger N, Bernstein N (2022). Plants 11(21):2982
  5. Peterswald TJ et al. (2025). Scientific Reports 15:17435
  6. Chandra S et al. (2008). Physiology and Molecular Biology of Plants
  7. Zheng Y et al. (2025). Scientific Reports 15:44735
  8. Westmoreland FM et al. (2024). Frontiers in Plant Science
  9. McCree KJ (1972). Agricultural Meteorology
  10. Terashima I et al. (2009). Plant and Cell Physiology
  11. Llewellyn D et al. (2023). Light pollution study, University of Guelph