Manche Menschen berichten, dass Cannabis ihnen geholfen hat, weniger zu trinken oder weniger Opioide zu nehmen. Dieser Artikel prüft, worauf diese Aussage beruht. Das meiste stammt aus Umfragen und aus einem einzigen Bericht über einen einzelnen Patienten aus dem Jahr 1970. Für Alkohol- und Opioidabhängigkeit gibt es bereits Behandlungen. Für einige davon ist belegt, dass sie Todesfälle verringern. Diese Behandlungen haben Vorrang. Cannabis ist höchstens eine Frage, die Sie mit dem Arzt besprechen können, der die Behandlung leitet.
Sicherheitshinweis: Bitte zuerst lesen.
- Ein Alkoholentzug kann tödlich sein. Ein schwerer Entzug kann Krampfanfälle und ein Delirium tremens auslösen. Das ist ein gefährlicher Zustand mit Verwirrtheit, Zittern und Unruhe. Er muss ärztlich behandelt werden.
- Versuchen Sie nicht, starkes Trinken ohne ärztliche Aufsicht zu beenden, indem Sie auf Cannabis oder auf etwas anderes umsteigen.
- Der Opioidentzug selbst verläuft selten tödlich. Die Gefahr kommt später. In einer Pause ohne Opioide verliert der Körper seine Toleranz. Konsumiert die Person danach wieder, steigt das Risiko einer Überdosis stark an. Deshalb ist ein Entzug auf eigene Faust gefährlicher, als er sich anfühlt.
- Nichts in diesem Artikel ist eine medizinische Beratung. Er ersetzt nicht das Gespräch mit einem Arzt oder einer Einrichtung für Suchtbehandlung.
1. Worauf die Behauptung beruht
Die überlieferte Behauptung lautet: Cannabis lindert den Entzug von Alkohol und von Opiaten (aus Opium gewonnene Drogen wie Morphin und Heroin). Es soll sowohl die körperlichen als auch die psychischen Folgen abschwächen. Die klinischen Belege dafür sind sehr dünn.
Die am häufigsten zitierte Quelle ist Tod Mikuriya, ein Psychiater in den USA. 1970 beschrieb er einen Patienten, der mit Hilfe von Cannabis weniger Alkohol trank (Mikuriya, Medical Times, 1970). Das ist ein Fallbericht, also die Beschreibung eines einzelnen Patienten ohne Vergleichsgruppe. Keine kontrollierte Studie hat diesen Befund je wiederholt. Eine kontrollierte Studie vergleicht eine behandelte mit einer unbehandelten Gruppe unter gleichen Bedingungen.
Der Kern der Belege ist also der Bericht eines einzelnen Arztes über einen einzelnen Patienten. Dieser Bericht ist mehr als ein halbes Jahrhundert alt. Es gibt auch ältere Quellen. Europäische medizinische Schriften aus dem 19. Jahrhundert erwähnen Cannabis gegen das Delirium tremens bei Menschen, die stark trinken, und als Ersatz für Opium. Das sind echte historische Dokumente. Sie zeigen, was Ärzte ausprobierten, bevor es kontrollierte Studien gab. Sie zeigen nicht, dass es wirkte.
Neben diesen Quellen wird oft ein Vergleich angeführt, der im Großen und Ganzen stimmt. Die US Centers for Disease Control and Prevention (CDC), die nationale Gesundheitsbehörde der USA, schätzen etwa 178.000 Todesfälle pro Jahr durch übermäßigen Alkoholkonsum. Das ist der Durchschnitt der Jahre 2020–2021 aus der Anwendung Alcohol-Related Disease Impact der CDC. Dagegen ist keine tödliche Überdosis allein durch Cannabis dokumentiert.
Die beiden Zahlen messen nicht dasselbe. Die Schätzung für Alkohol zählt auch langfristige Erkrankungen und Verletzungen mit, nicht nur Vergiftungen. Trotzdem ist der Unterschied in der direkten Giftigkeit real. Dieser Vergleich zeigt aber nur, wie giftig die jeweilige Substanz ist. Er zeigt nicht, dass Cannabis eine Alkoholabhängigkeit behandelt.
Was Sie tun können: Manchmal führt jemand den Fall von 1970 oder die Zahl der CDC als Beweis an, dass Cannabis Sucht behandelt. Prüfen Sie dann, um welche Art von Beleg es sich handelt. Es ist entweder ein einzelner Patient, ein historisches Dokument oder ein Vergleich der Giftigkeit. Nichts davon ist eine Behandlungsstudie.
2. Alkoholentzug: Die Tatsache, nach der Sie zuerst handeln sollten
Dieser Punkt ist unbestritten. Ein schwerer, unbehandelter Alkoholentzug kann tödlich sein, vor allem durch Krampfanfälle und Delirium tremens. Diese Todesfälle lassen sich durch einen ärztlich überwachten Entzug verhindern.
Der Alkoholentzug ist ein medizinischer Zustand mit einer etablierten Behandlung. Ärzte geben meist Benzodiazepine, eine Gruppe beruhigender Medikamente, unter Aufsicht. Außerdem geben sie Thiamin (Vitamin B1). Thiamin beugt der Wernicke-Enzephalopathie vor. Das ist eine schwere Erkrankung des Gehirns, die durch Thiaminmangel entsteht.
Ein Mensch im schweren Alkoholentzug braucht einen Arzt, keine Pflanze. Für diese Entscheidung bleibt wenig Zeit.
Was Sie tun können: Vielleicht erzählt Ihnen jemand, dass er jeden Tag viel trinkt und aufhören will. Das Hilfreichste, was Sie in einem Forum sagen können, ist: Sprechen Sie mit einem Arzt, bevor Sie aufhören, nicht erst danach.
3. Opioidentzug und Substitutionstherapie einfach erklärt
Zu den Opioiden gehören Heroin, Morphin und opioidhaltige Schmerzmittel. Wer von Opioiden abhängig ist und aufhört, macht einen Entzug durch. Häufige Symptome sind Muskelschmerzen, Schwitzen, Durchfall, Angst, schlechter Schlaf und starkes Verlangen. Bei Heroin beginnen die Symptome meist 8–24 Stunden nach der letzten Dosis. Bei Methadon beginnen sie später, nach ein bis drei Tagen. Für sich genommen verläuft ein Opioidentzug selten tödlich.
Die größere Gefahr ist der Verlust der Toleranz. In einer Zeit ohne Opioide verliert der Körper seine Toleranz gegenüber diesen Stoffen. Nimmt die Person danach die frühere Dosis, kann sie eine Überdosis erleiden. Deshalb ist es so riskant, allein aufzuhören und dann wieder zur Droge zu greifen.
Die Substitutionstherapie, auch Opioid-Agonisten-Therapie genannt, folgt einem anderen Prinzip. Die Person nimmt ein verschriebenes Opioid-Medikament in gleichbleibender Dosis unter ärztlicher Aufsicht, meist Methadon oder Buprenorphin. „Agonist“ bedeutet, dass das Medikament im Körper auf die gleiche Weise wirkt wie das Opioid, das es ersetzt. Die Abhängigkeit bleibt bestehen. Aber ein riskanter, unkontrollierter Drogenkonsum wird durch einen kontrollierten ersetzt, bei dem das Sterberisiko deutlich geringer ist. Abschnitt 5 zeigt, wie stark dies die Todesfälle durch Überdosis senkt.
Was Sie tun können: Jemand aus Ihrem Umfeld nimmt Opioide und will aufhören? Dann ist der sicherere Weg, zum Arzt zu gehen und nach Methadon oder Buprenorphin zu fragen. Allein und ohne diese Unterstützung aufzuhören, ist nicht der sicherere Weg.
4. Welche Belege zur „Substitution“ es tatsächlich gibt
In der modernen Version des Arguments geht es nicht um den Entzug. Es geht um Substitution: Menschen konsumieren Cannabis und deshalb weniger von etwas Schädlicherem.
Einer der größten neueren Datensätze stammt aus dem New Zealand Drug Trends Survey. Das ist eine Online-Umfrage unter Menschen in Neuseeland, die Drogen konsumieren. An der Runde von 2020 nahmen 23.500 Personen teil. Die Forschenden Wilkins, Romeo, Rychert und Graydon-Guy werteten sie aus: „Exploring the substitution of cannabis for alcohol and other drugs among a large convenience sample of people who use cannabis“, Harm Reduction Journal 2024;21:192 (DOI: 10.1186/s12954-024-01111-w).
Die Tabelle zeigt die Antworten von Cannabiskonsumierenden, die auch die jeweils andere Substanz konsumierten:
| Substanz | Berichtete Wirkung des Cannabiskonsums |
|---|---|
| Alkohol | 60 % gaben an, weniger zu trinken |
| Synthetische Cannabinoide | 60 % gaben an, weniger zu konsumieren |
| Morphin | 44 % gaben an, weniger zu konsumieren |
| Methamphetamin | 40 % gaben an, weniger zu konsumieren |
| MDMA, LSD, Kokain | ~70 % berichteten keinen Einfluss (68–73 %) |
| Tabak | Etwa ein Drittel gab an, weniger zu rauchen; 22 % gaben an, mehr zu rauchen |
Die Grenzen der Umfrage sind genauso wichtig wie die Zahlen:
- Wie die Teilnehmenden gefunden wurden: Die Umfrage wurde über Facebook-Werbung bekannt gemacht. Die Befragten bilden damit eine Gelegenheitsstichprobe, also Menschen, die sich selbst für die Teilnahme entschieden haben. Die Gruppe wurde nicht so ausgewählt, dass sie alle Cannabiskonsumierenden repräsentiert.
- Selbstauskunft: Alle Antworten beruhten auf Selbstauskunft. Menschen erinnern sich vielleicht falsch (Erinnerungsverzerrung). Oder sie geben die Antwort, die besser klingt (Verzerrung durch soziale Erwünschtheit).
- Zu wenige Opioidkonsumierende: Nur ein kleiner Teil der Befragten hatte kürzlich Morphin oder Heroin konsumiert. Daher konnte die Umfrage nicht richtig auswerten, ob Cannabis Opioide ersetzt hat.
- Meinung, nicht Ursache: Am wichtigsten ist: Die Umfrage misst den wahrgenommenen Einfluss, nicht Ursache und Wirkung. Fragt man Menschen, ob Cannabis sie weniger trinken ließ, misst man nicht, ob es das tatsächlich getan hat.
Die Ergebnisse der Forschenden beschreiben Zusammenhänge, also zwei Dinge, die gemeinsam auftreten. Außerdem beschreiben sie, was die Befragten selbst für den Grund ihrer Veränderung halten. Die Umfrage war eine Querschnittsstudie, also eine einzelne Momentaufnahme zu einem Zeitpunkt. Eine einzelne Momentaufnahme kann nicht zeigen, welche Veränderung zuerst kam.
Trotzdem gibt es hier ein echtes Signal. Sechzig Prozent sind eine große Zahl. Das Muster passt auch zu dem, was Ärzte von ihren Patienten hören. Genau solche Befunde soll aber eine randomisierte Studie prüfen. In einer randomisierten Studie entscheidet der Zufall, wer die Behandlung und wer die Vergleichsbehandlung erhält. Jeder Unterschied in den Ergebnissen lässt sich dann der Behandlung zuschreiben. Keine randomisierte Studie hat Cannabis als Substitutionsbehandlung bei Alkohol- oder Opioidkonsumstörung mit klinischen Endpunkten geprüft. Klinische Endpunkte sind gemessene Gesundheitsergebnisse, keine Meinungen.
Was Sie tun können: Wenn Sie einen Prozentwert aus einer Umfrage lesen, prüfen Sie drei Dinge. Wer wurde gefragt? Wie wurden die Befragten gefunden? Hat die Studie eine Ursache gemessen oder nur, was die Menschen glauben?
5. Behandlungen mit Belegen zur Sterblichkeit
Jedes Argument für Substitution muss sich mit den Behandlungen messen, die es bereits gibt. Cannabis liegt dabei weit zurück.
Bei Opioidkonsumstörung hat die Opioid-Agonisten-Therapie gemessene Wirkungen auf die Zahl der Todesfälle. Ein Forschungsteam unter Leitung von Larochelle untersuchte 17.568 Erwachsene in Massachusetts, einem US-Bundesstaat, die eine Opioid-Überdosis überlebt hatten (Annals of Internal Medicine, 2018). Das Team verfolgte sie zwölf Monate lang. Menschen unter Methadon hatten 59 % weniger Todesfälle durch Opioid-Überdosis als Menschen ohne Medikament. Bei Buprenorphin waren es 38 % weniger.
Dieselbe Studie zeigte ein zweites Problem. Weniger als ein Drittel der Patienten erhielt im Jahr nach der Überdosis überhaupt ein Medikament gegen die Opioidkonsumstörung. Methadon erhielten 11 %, Buprenorphin 17 % und Naltrexon 6 %.
Diese beiden Befunde gehören zusammen. Es gibt Behandlungen, die Todesfälle durch Überdosis um 38–59 % senken. Trotzdem erhalten die meisten Menschen, die sie brauchen, diese Behandlungen nicht. Diese Lücke ist das größte Versagen in der Versorgung bei Opioidabhängigkeit. Das Fehlen von Cannabis ist es nicht.
Bei Alkoholkonsumstörung gibt es zugelassene Medikamente: Naltrexon, Acamprosat und Disulfiram. Sie werden zusammen mit psychosozialer Behandlung eingesetzt, etwa Beratung und Unterstützung. Für Menschen, die es brauchen, gibt es einen ärztlich überwachten Entzug.
Für Cannabis gibt es nichts Vergleichbares. Keine randomisierte Studie hat Cannabis als Substitutionsbehandlung bei Alkohol- oder Opioidkonsumstörung mit klinischen Endpunkten geprüft. Es gibt randomisierte Studien zu einzelnen Cannabinoiden. Das sind kleine Studien in einem frühen Stadium:
- Hurd und Kollegen (American Journal of Psychiatry, 2019) gaben einer kleinen Gruppe von Menschen mit Heroinkonsumstörung Cannabidiol (CBD) oder ein Placebo (eine Scheinbehandlung). Alle waren zu diesem Zeitpunkt drogenfrei. CBD verringerte Angst und Verlangen, die durch drogenbezogene Reize ausgelöst wurden. Es war eine explorative Studie. Behandlungsergebnisse hat sie nicht gemessen.
- Bisaga und Kollegen (Drug and Alcohol Dependence, 2015) testeten Dronabinol, eine synthetische Form von THC. Die Patienten nahmen es während eines Opioidentzugs im Krankenhaus. Es machte den Entzug weniger schwer. Es erhöhte aber nicht die Zahl der Patienten, die mit Naltrexon in Retardform begannen oder dabei blieben. Das ist eine lang wirkende Form eines Medikaments, das die Wirkung von Opioiden blockiert.
Keine der beiden Studien hat Überdosen oder Todesfälle gemessen.
Am nächsten an Daten zur Sterblichkeit kommen ökologische Studien. Diese vergleichen ganze Bundesstaaten, nicht einzelne Patienten. Sie zeigen sehr deutlich, wie weit ein Zusammenhang von einer Ursache entfernt sein kann.
- Bachhuber und Kollegen (JAMA Internal Medicine, 2014) untersuchten die Jahre 1999–2010. US-Bundesstaaten mit Gesetzen zu medizinischem Cannabis hatten etwa 25 % weniger Todesfälle durch Überdosis opioidhaltiger Schmerzmittel als Staaten ohne solche Gesetze.
- Shover und Kollegen (PNAS, 2019) nutzten dieselbe Methode und erweiterten die Daten bis 2017. Bis dahin hatte sich der Zusammenhang umgekehrt. Staaten mit Gesetzen zu medizinischem Cannabis hatten nun etwa 23 % mehr Todesfälle durch Opioid-Überdosis.
Das Team um Shover kam zu dem Schluss, dass der Zusammenhang sehr wahrscheinlich eine Scheinkorrelation war. Es gab also keine echte Beziehung von Ursache und Wirkung. Daten auf Ebene der Bundesstaaten können nicht zeigen, was einzelne Menschen getan haben. Hier lieferte dieselbe Methode im Abstand weniger Jahre gegensätzliche Antworten.
Was Sie tun können: Wenn ein Beitrag behauptet, Cannabisgesetze senkten die Zahl der Todesfälle durch Überdosis, antworten Sie mit beiden Studien. Für einen Menschen mit Opioidkonsumstörung ist der erste durch Belege gestützte Schritt, einen Arzt nach Methadon oder Buprenorphin zu fragen.
6. Das Risiko in die andere Richtung
Substitution verringert den Schaden nur, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind. Der Ersatz muss deutlich weniger schädlich sein, und die Person muss von der ursprünglichen Substanz tatsächlich weniger konsumieren.
Eine Cannabiskonsumstörung gibt es wirklich. Bahji und Kollegen führten eine Metaanalyse durch, also eine Studie, die die Ergebnisse vieler früherer Studien zusammenfasst (JAMA Network Open, 2020). Sie umfasste 47 Studien und 23.518 Menschen, die regelmäßig oder abhängig Cannabis konsumierten. 47 % hatten ein Cannabis-Entzugssyndrom. Zu den Symptomen gehörten Reizbarkeit, Angst, schlechter Schlaf, Veränderungen des Appetits und körperliche Beschwerden. Sie traten meist innerhalb von etwa einer Woche nach dem Absetzen auf.
Das macht Substitution nicht sinnlos. Eine Abhängigkeit mit hoher Sterblichkeit gegen eine mit deutlich geringerer Sterblichkeit zu tauschen, ist ein echter Gewinn. Mit derselben Überlegung lässt sich erklären, warum die Opioid-Agonisten-Therapie wirkt. Ehrlich beschrieben ist es aber der Tausch einer Abhängigkeit gegen eine andere, mit anderen Risiken. Mit „clean werden“ hat das nichts zu tun. Wer darüber nachdenkt, sollte das klar gesagt bekommen und es nicht erst später selbst herausfinden.
Die Zeile zu Tabak in der Umfrage zeigt, dass Substitution auch in die falsche Richtung gehen kann. Etwa jede fünfte Person, die sowohl Cannabis als auch Tabak konsumierte (22 %), gab an, mehr Tabak zu rauchen.
Was Sie tun können: Wenn Sie Cannabis nutzen, um weniger von etwas anderem zu konsumieren, notieren Sie jede Woche, wie viel Sie von jeder Substanz konsumieren. So sehen Sie, ob Sie von der ursprünglichen Substanz wirklich weniger nehmen. Notieren Sie auch Reizbarkeit, schlechten Schlaf oder Veränderungen des Appetits an Tagen ohne Cannabis. Das sind Anzeichen einer Abhängigkeit, die Sie Ihrem Arzt mitteilen sollten.
7. Eine faire Einordnung der Beweislage
- Die Frage ist berechtigt. Schadensminderung (Harm Reduction) bedeutet, die Schäden durch Drogenkonsum zu verringern, auch wenn die Person noch nicht aufhören kann. Sie ist ein ernsthaftes klinisches Fachgebiet, und Substitution ist eines ihrer wichtigsten Werkzeuge. Die Frage, ob Cannabis diese Rolle übernehmen könnte, ist vernünftig und keine Außenseiterposition.
- Die Belege stehen auf dem Niveau von Umfragen. Sie bestehen aus der eigenen Einschätzung der Menschen, was sie beeinflusst hat, erhoben in Gelegenheitsstichproben. Dazu kommen Daten auf Ebene der Bundesstaaten, die mal in die eine, mal in die andere Richtung wiesen. Keine randomisierte Studie hat Cannabis als Substitutionsbehandlung bei Alkohol- oder Opioidkonsumstörung mit klinischen Endpunkten geprüft.
- Cannabis darf nicht ersetzen, was wirkt. Das gilt vor allem bei Opioidkonsumstörung. Wer die Agonisten-Therapie zugunsten von Cannabis hinauszögert oder ablehnt, gibt eine Behandlung auf, die Todesfälle verringert. Im Gegenzug erhält die Person eine Behandlung ohne nachgewiesenen Nutzen. Derselbe Fehler passiert, wenn ein Patient eine bewährte Krebsbehandlung zugunsten von Cannabis ablehnt, und die Rechnung ist dieselbe.
- Cannabis begleitend zu einem ärztlich überwachten Behandlungsplan ist eine eigene Frage. Beantworten sollte sie der Arzt, der die Behandlung leitet. Nur er kann sie gegen alles andere abwägen, was der Patient einnimmt.
Was Sie tun können: Wenn Sie beim Reduzieren über Cannabis nachdenken, sprechen Sie das bei dem Arzt an, der Sie behandelt. Bringen Sie eine Liste aller Medikamente und Substanzen mit, die Sie nehmen. So kann der Arzt prüfen, wie sie zusammenwirken.
8. In Thailand
Anmerkung der Übersetzung: Die Cannabisblüte (ช่อดอกกัญชา) ist als kontrolliertes Heilkraut eingestuft nach der Bekanntmachung des Ministeriums für öffentliche Gesundheit über kontrollierte Kräuter (Cannabis) B.E. 2568. Diese Bekanntmachung wurde auf Grundlage des Gesetzes zum Schutz der traditionellen thailändischen Medizin B.E. 2542 erlassen. Sie trat am 26. Juni 2025 in Kraft. Blüten dürfen nur gegen ein Rezept für höchstens 30 Tage auf dem Formular PT 33 (ภ.ท.33) verkauft werden. Werbung für Blüten und ihr Online-Verkauf sind verboten.
Anmerkung der Übersetzung: Substanzkonsumstörungen gehören nicht zu den Erkrankungen, für die es Belege für medizinisches Cannabis gibt. Wer eine Verschreibung erwägt, würde einen unbewiesenen Nutzen gegen ein bekanntes Abhängigkeitsrisiko abwägen. Ein früherer Substanzmissbrauch ist schon für sich ein Grund zu besonderer Vorsicht.
Anmerkung der Übersetzung: Wenn Alkohol oder Drogen für Sie oder einen nahestehenden Menschen ein Problem sind, rufen Sie die Hotline 1165 an. Sie wird vom Princess Mother National Institute on Drug Abuse Treatment (PMNIDAT) betrieben, das auch als Thanyarak-Institut bekannt ist. Die Hotline berät bei Drogen- und Alkoholproblemen und sagt Ihnen, wo Sie Behandlung bekommen. Die andere Anlaufstelle ist Ihr Arzt oder das nächste Krankenhaus. Die in Abschnitt 5 beschriebenen Medikamente sind echte Medikamente, für deren Wirkung es echte Belege gibt. Eine Methadonbehandlung wird in Thailand angeboten. Fragen Sie den Arzt, welche der anderen Medikamente für Sie verfügbar sind. Beide Wege sind ein besserer erster Schritt als ein Forum. Wenn Sie weit entfernt von einem Krankenhaus wohnen, vereinbaren Sie den Termin, bevor Sie mit dem Trinken aufhören. Warten Sie nicht, bis der Entzug beginnt.
Anmerkung der Übersetzung für lizenzierte Shops und Farmen: Stellen Sie Cannabis nicht als Behandlung von Alkohol- oder Opioidabhängigkeit dar, weder in Beiträgen noch an der Ladentheke. Die Belege stützen diese Aussage nicht, und Werbung für Blüten ist in Thailand verboten. Wenn Kunden sagen, dass sie mit starkem Trinken oder mit dem Opioidkonsum aufhören wollen, geben Sie ihnen die Nummer 1165. Raten Sie ihnen, zuerst einen Arzt aufzusuchen.
Teilen Sie Ihre Erfahrungen unten: Vielleicht trinken Sie weniger oder nehmen weniger Opioide und glauben, dass Cannabis dazu beigetragen hat. Wenn Sie darüber unter diesem Thema schreiben, nennen Sie bitte auch, was sich zur gleichen Zeit verändert hat, etwa ein Job, eine Beziehung, ein Behandlungsprogramm oder ein Umzug. Studien zur Substitution können diese Faktoren nicht voneinander trennen. Berichte, die sie nennen, sind hier nützlicher, denn persönliche Erfahrungsberichte allein können keine Ursache-Wirkungs-Beziehung belegen. Auch Fragen sind in den Antworten willkommen.
Dieser Artikel wird von der Asiannabis Community zu Bildungszwecken veröffentlicht. Er enthält allgemeine Informationen und keine medizinische Beratung. Er ist kein Behandlungsprotokoll für irgendeine Substanzkonsumstörung. Versuchen Sie niemals einen Alkoholentzug ohne ärztliche Aufsicht.
Quellen
- Mikuriya TH. Cannabis substitution: an adjunctive therapeutic tool in the treatment of alcoholism. Medical Times, April 1970, S. 187–191.
- US Centers for Disease Control and Prevention. Anwendung Alcohol-Related Disease Impact (ARDI): Todesfälle durch übermäßigen Alkoholkonsum, Durchschnitt 2020–2021.
- Wilkins C, Romeo JS, Rychert M, Graydon-Guy T. Exploring the substitution of cannabis for alcohol and other drugs among a large convenience sample of people who use cannabis. Harm Reduction Journal 2024;21:192. DOI: 10.1186/s12954-024-01111-w.
- Larochelle MR, et al. Medication for opioid use disorder after nonfatal opioid overdose and association with mortality: a cohort study. Annals of Internal Medicine 2018;169(3):137–145. DOI: 10.7326/M17-3107.
- Hurd YL, et al. Cannabidiol for the reduction of cue-induced craving and anxiety in drug-abstinent individuals with heroin use disorder: a double-blind randomized placebo-controlled trial. American Journal of Psychiatry 2019;176(11):911–922. DOI: 10.1176/appi.ajp.2019.18101191.
- Bisaga A, et al. The effects of dronabinol during detoxification and the initiation of treatment with extended release naltrexone. Drug and Alcohol Dependence 2015;154:38–45.
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- Shover CL, Davis CS, Gordon SC, Humphreys K. Association between medical cannabis laws and opioid overdose mortality has reversed over time. PNAS 2019;116(26):12624–12626.
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