Stretch: Höhenkontrolle in der Blüteübergangsphase — Vollständiger Leitfaden

Was ist der Flowering Stretch?

Beim Wechsel des Lichtzyklus von 18/6 auf 12/12 durchlaufen die meisten photoperiodischen Cannabis-Sorten eine Phase raschen Höhenwachstums, den sogenannten Stretch. In den ersten 1–3 Wochen der Blüte können Pflanzen je nach Genetik um 50–300% an Höhe zunehmen. Dieses Phänomen zu verstehen und zu kontrollieren ist eine wesentliche Fähigkeit für Indoor-Grower.

Merkmale des Stretch

  • Zeitpunkt: Beginnt 1–3 Tage nach dem Umschalten auf 12/12, Höhepunkt in Woche 2, klingt ab bis Woche 3–4
  • Symptome: Internodien verlängern sich deutlich, der Hauptstamm schießt nach oben, Seitenäste folgen
  • Biologischer Zweck: Pflanzen positionieren Blüten möglichst hoch für die Windbestäubung — eine Überlebensstrategie

Forschung des Volcani Institute (Israel, 2024) in Horticulture Research identifizierte zwei Phasen: Phase 1 (Tage 1–10) — schnelles Stammwachstum mit langen Internodien; Phase 2 (ab Tag 10) — Internodien verkürzen sich, kompakte Blüten bilden sich.


Hormonelle Mechanismen des Stretch

Gibberellin (GA) — Das Masterhormon

Gibberelline sind Pflanzenhormone, die hauptsächlich für die Stammzellstreckung verantwortlich sind.

  • Frühe Phase (Tage 1–10): GA₄-Spiegel bleiben aus der vegetativen Phase erhöht → starke Internodienverlängerung
  • Späte Phase (ab Tag 10): Kurztag-Photoperiode unterdrückt GA₄-Synthese am Sprossapex → Stammverlängerung verlangsamt sich, kompakte Blütencluster bilden sich

Experimente mit exogenem Gibberellin bei 12/12-Beleuchtung zeigten, dass Pflanzen weiter streckten wie unter 18/6 — der Beweis, dass GA der “Hauptschalter” des Stretch ist.

Auxin — Eine unterstützende Rolle

Auxin (IAA) konzentriert sich am Sprossapex und verstärkt die Zellstreckung zusammen mit Gibberellin, hat aber einen minimalen eigenständigen Einfluss auf den Stretch.

Phytochrom & Far-Red-Reaktion

  • Bei sinkendem Pfr/Pr-Verhältnis (mehr Far-Red) → Schattenvermeidungsreaktion: Stammverlängerung
  • HPS-Lampen emittieren mehr Far-Red als LEDs → stärkerer Stretch unter HPS
  • Moderne Vollspektrum-LEDs ermöglichen Blue:Red:Far-Red-Anpassung

Stretch-Verhältnisse nach Sortentyp

Sortentyp Stretch-Verhältnis Beispiele Anmerkungen
Reines Indica 50–100% Hindu Kush, Afghan, Northern Lights Kompakt. Bei 50% der Zielhöhe umschalten
Reines Sativa 200–300% Thai Stick, Durban Poison, Haze Kann sich verdreifachen. Training vor dem Flip obligatorisch
Hybrid (Indica-dominant) 75–150% Girl Scout Cookies, OG Kush Moderater Stretch
Hybrid (Sativa-dominant) 150–250% Amnesia Haze, Super Silver Haze SCRoG oder Supercropping nötig
Autoflower 25–75% Auto Northern Lights, Auto Blueberry Geringster Stretch

6 Techniken zur Stretch-Kontrolle

1. LST (Low Stress Training)

Sanftes Biegen der Zweige ohne Gewebeschäden für ein gleichmäßiges, flaches Blätterdach.

  • Weiche Bindungen verwenden, um Zweige herunterzuziehen und am Topfrand zu befestigen
  • Zeitpunkt: Veg-Woche 3–4 bis Ende Blütewoche 2
  • Für alle Sorten einschließlich Autoflower geeignet

2. Supercropping (High Stress Training)

Kontrollierte Mikrobeschädigung des inneren Stammgewebes — Quetschen und 90°-Biegung zur Bildung eines verstärkten “Knuckle.”

  • Stamm zwischen Daumen und Zeigefinger leicht quetschen, bis das Innengewebe weich wird (Außenhaut NICHT brechen). 90° biegen, fixieren
  • Zeitpunkt: Blütewoche 1–2, solange Zweige noch biegsam sind
  • Ergebnis: Sofortige Höhenreduktion von 15–30 cm pro Punkt
  • Bei Autoflowern NICHT anwenden

3. SCRoG (Screen of Green)

Ein horizontales Netz über den Pflanzen zwingt Zweige durch den Bildschirm und erzeugt eine gleichmäßige Blätterdachebene.

  • Netz (5–10 cm Quadrate) 40–50 cm über den Töpfen
  • 80–90% der Maschen vor Ende des Stretch füllen
  • 20–40% Ertragssteigerung

4. Topping & FIMming vor dem Flip

Muss vor dem Umschalten auf 12/12 erfolgen, idealerweise 2–3 Wochen vorher.

  • Topping: Hauptwachstumsspitze entfernen → 2 neue Triebe. 2–3 Mal wiederholbar
  • FIMming: 75% der Spitze entfernen → 3–4 neue Triebe
  • Autoflower niemals toppen/FIMmen

5. Spektrumanpassung (Blaulichtanteil)

Blaues Licht (400–500 nm) unterdrückt Zellstreckung über Cryptochrom-Aktivierung.

  • Blütewoche 1–2: Blauanteil auf 30–40% erhöhen
  • Ab Woche 3: Blau reduzieren, Rot erhöhen (620–660 nm)

6. DIF-Technik (Tag/Nacht-Temperaturdifferenz)

DIF = Tagestemperatur − Nachttemperatur

DIF-Strategie Tag Nacht Wirkung
Positiver DIF (+6°C) 28°C 22°C Starker Stretch — vermeiden!
DIF = 0 24°C 24°C Stretch deutlich reduziert
Negativer DIF (−2°C) 22°C 24°C Maximale Unterdrückung
Cool Morning Pulse 18–20°C (erste 2–3 Std.) 22°C Unterdrückt morgendliches Gibberellin, sehr effektiv

Lichtabstandsmanagement während des Stretch

Lampentyp Veg (cm) Stretch (Woche 1–3) Vollblüte Eigenschaften
LED 200–300W 45–60 35–45 30–40 Wenig Hitze
LED 400–600W 50–70 40–55 35–45 Leistungsstark, PPFD-Meter nutzen
HPS 400W 50–65 40–50 35–45 Hohe Hitze
HPS 600–1000W 60–80 50–65 40–55 Sehr hohe Hitze
CMH/LEC 315W 50–65 40–50 35–45 Breites Spektrum

PGR — Pflanzenwachstumsregulatoren

Synthetische PGR — GEFÄHRLICH!

Verbindung Mechanismus Risiko
Paclobutrazol (PBZ) Hemmt Gibberellin-Synthese Lebertoxizität. Verbrennung erzeugt Nitrosamine — krebserregend
Daminozid (Alar) Hemmt Ethylen-Biosynthese EPA: “wahrscheinlich krebserregend”. Seit 1989 bei Lebensmitteln verboten
Chlormequat (CCC) Hemmt Gibberellin-Synthese Neurotoxisch bei hohen Dosen

:warning: WARNUNG: Verwenden Sie niemals synthetische PGR bei Cannabis, das zum Konsum bestimmt ist.

Natürliche PGR — Sicher

Verbindung Quelle Mechanismus & Anwendung
Triacontanol Bienenwachs, Zuckerrohr Fördert Photosynthese, lebensmittelsicher
Chitosan Garnelen-/Krabbenschalen Aktiviert Pflanzenimmunität, stärkt Zellwände
Seetang/Algen Ascophyllum nodosum Natürliche Cytokinine, Gibberellin-Antagonist. 1–2x/Woche Blattsprühung
Silizium (SiO₂) Kaliumsilikat Stärkt Zellwände, dickere und stabilere Stämme

Checkliste Blütewoche 1–3

Woche 1 (Tage 1–7 nach Flip)

  • ☐ Lichtabstand prüfen und anpassen
  • ☐ LST beginnen: höchste Zweige horizontal biegen
  • ☐ Cool Morning Pulse: 18–20°C für die ersten 2–3 Stunden nach Licht-an
  • ☐ Blauanteil auf 30–40% erhöhen (wenn LED einstellbar)
  • ☐ PPFD am Blätterdach messen: Ziel 600–800 μmol/m²/s
  • ☐ Auf Blütenährstoffe umstellen (P-K erhöhen, N reduzieren)

Woche 2 (Tage 8–14 — Stretch-Höhepunkt)

  • ☐ Zweige über dem Blätterdach supercroppen
  • ☐ Zweige in SCRoG-Netz einfädeln
  • ☐ Lampe der Stretch-Geschwindigkeit anpassen (ggf. 5–10 cm/Tag)
  • ☐ Seetangextrakt als Blattsprühung (1–2 ml/L)
  • ☐ Leichte Entlaubung
  • ☐ VPD: 1,0–1,4 kPa, Luftfeuchtigkeit 45–55%

Woche 3 (Tage 15–21 — Stretch lässt nach)

  • ☐ Stretch verlangsamt sich — Supercropping einstellen
  • ☐ Lichtabstand auf optimales Blüteniveau fixieren
  • ☐ Spektrum anpassen: Blau↓, Rot↑ (620–660 nm)
  • ☐ DIF normalisieren: Tag 24–26°C, Nacht 20–22°C
  • ☐ Stempel (Pistille) erscheinen — Stretch-Ende bestätigt
  • ☐ Gesamtbewertung: Blätterdach gleichmäßig? Zweige zu nah am Licht?

:pushpin: Merke: Der Stretch ist ein schmales Zeitfenster von 2–3 Wochen. Wer in dieser Phase nicht handelt, kann später nichts mehr korrigieren.


Quellenangaben

  1. Danziger N et al. (2024). Horticulture Research, 11(11):uhae258
  2. Dutch Passion (2024). Cannabis Flowering Stretch Master Guide
  3. Royal Queen Seeds (2024). How to Control Stretching
  4. Chilled Tech (2024). Reduce Plant Stretch by Controlling Day/Night Temperatures
  5. 42 Fast Buds (2024). PGR Weed — Synthetic PGRs and Their Dangers

Dieser Artikel dient der Bildung für legale medizinische und landwirtschaftliche Zwecke. Der Inhalt entspricht dem thailändischen Controlled Herbs Act 2025 und der Ministerialverordnung B.E. 2569. Der Anbau von Cannabis erfordert eine Genehmigung gemäß den Gesetzen Ihres Landes/Gebiets.


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