Kratom-Risiken: Wechselwirkungen mit Medikamenten, konzentrierte 7-OH-Produkte, wer es nicht verwenden sollte und was noch unbekannt ist (Teil 2 von 2)

Teil 1 ging um die veröffentlichten Berichte über Todesfälle und Krampfanfälle, um Leberschäden sowie um Abhängigkeit und Entzug. Dieser Teil behandelt Wechselwirkungen mit Medikamenten und konzentrierte 7-OH-Produkte. Außerdem geht es darum, wer Kratom nicht verwenden sollte und was die Forschung noch nicht weiß.

Zwei Stoffe tauchen immer wieder auf. Mitragynin ist der wichtigste Wirkstoff (Alkaloid) im Kratomblatt. 7-Hydroxymitragynin (7-OH) ist ein verwandter Stoff, der deutlich stärker wirkt. Frische Blätter enthalten davon wenig oder gar nichts. Wie beide im Körper wirken, erklärt der Beitrag Kratom: Botanik, Alkaloide und wie es tatsächlich wirkt.

Dieser Beitrag enthält keine Dosierungsempfehlungen. Nichts darin soll Sie zur Verwendung von Kratom ermutigen. Thailand regelt Kratom über das Kratom-Gesetz B.E. 2565 (Kratom Act). Malaysia kontrolliert Kratom weiterhin über sein Giftgesetz von 1952 (Poisons Act 1952). Myanmar verbietet es mit seinem Gesetz über Betäubungsmittel und psychotrope Stoffe (Narcotic Drugs and Psychotropic Substances Law). Einzelheiten finden Sie unter Kratom-Recht in Thailand nach 2021 und in der gesamten Region. Nichts in diesem Beitrag ermutigt zur Verwendung an Orten, an denen Kratom verboten ist.

Dies ist Teil 2. Teil 1: Kratom Risks: What the Death Reports Show, Liver Injury, Dependence and Withdrawal (Part 1 of 2)

Wechselwirkungen mit Medikamenten: die konkreten Fälle

Bei Kratom sind Wechselwirkungen mit Medikamenten mehr als eine allgemeine Warnung. Forschende haben mehrere konkrete Mechanismen beschrieben, und jeder davon hat handfeste Folgen.

Die Leber baut die meisten Medikamente mithilfe von Enzymen ab. Werden diese Enzyme gebremst, bleibt ein Medikament länger im Körper und sein Blutspiegel steigt. Mediziner nennen das eine pharmakokinetische Wechselwirkung.

Hemmung der Enzyme CYP2D6 und CYP3A4

CYP2D6 und CYP3A4 sind zwei Leberenzyme aus der Cytochrom-P450-Familie (CYP). Zusammen bauen sie einen großen Teil der verschreibungspflichtigen Medikamente ab. Dieser Mechanismus ist bei Kratom am häufigsten belegt.

In Laborstudien hemmt Mitragynin CYP2D6 und die CYP3A-Gruppe, zu der CYP3A4 gehört. Tanna und Kollegen haben 2023 in Drug Metabolism and Disposition eine Übersichtsarbeit veröffentlicht. Sie kommt zu dem Schluss, dass Kratom über diese Enzyme Wechselwirkungen auslösen kann. Medikamente, die Sie zusammen mit Kratom einnehmen, können deshalb höhere Spiegel erreichen als erwartet.

Einfache Vorhersagemodelle in derselben Übersichtsarbeit deuten auf ein höheres Risiko bei Medikamenten hin, die über CYP3A abgebaut werden. Bei Medikamenten, die über CYP2D6 abgebaut werden, fällt es niedriger aus. Am Menschen wurden diese Wechselwirkungen bisher nur in wenigen Studien geprüft.

Hemmung der UGT-Enzyme

UGT (UDP-Glucuronosyltransferase) ist eine weitere Gruppe von Leberenzymen. Sie hängen ein kleines Molekül an ein Medikament an, damit der Körper es ausscheiden kann. Auch diese Enzyme werden von Mitragynin gehemmt.

Theoretisch könnten sich dadurch Medikamente im Körper anreichern, die über UGT ausgeschieden werden. Gezeigt wurde das bisher nur in Labortests, nicht bei Patienten.

Werden Sie wegen eines Kratom-Entzugs mit Buprenorphin behandelt (siehe Teil 1) oder nehmen Sie ein anderes verschriebenes Medikament ein? Dann sollte die Verschreibung ein Arzt übernehmen, der von Ihrem Kratomkonsum weiß. Das ist kein Grund, auf die Behandlung zu verzichten.

Kratom zusammen mit Beruhigungsmitteln, Opioiden oder Antidepressiva

Manche Stoffe dämpfen Gehirn und Atmung. Mediziner nennen sie dämpfende Substanzen des zentralen Nervensystems (ZNS-Depressiva). Bei den Todesfällen zeigt sich ein klares Muster. Immer wieder tauchen Benzodiazepine (Beruhigungsmittel), Opioide (Schmerzmittel aus der Morphin-Familie) und SSRI (eine verbreitete Gruppe von Antidepressiva) auf. Wie hoch das Risiko von Kratom allein auch ist: Mit einem dieser Mittel zusammen ist es deutlich höher.

Alkohol und Mischgetränke

Mit Alkohol kommt ein weiterer dämpfender Stoff hinzu. In Südthailand gibt es neuere Mischgetränke namens „4x100“, in denen Kratom mit anderen Substanzen kombiniert wird. Diese Getränke werden mit gesundheitlichen Schäden in Verbindung gebracht.

Anmerkung der Übersetzung: Für 4x100 werden meist Kratomblätter ausgekocht. Der Sud wird dann mit Cola, Eis und Hustensaft gemischt. Manche Husten-, Erkältungs-, Allergie- und Schlafmittel aus der Apotheke enthalten dämpfende Antihistaminika wie Diphenhydramin. In Teil 1 wurde erwähnt, dass bei den Drogentests zu den Berichten über Krampfanfälle nach Kratom nicht auf Antihistaminika getestet wurde.

Was Sie tun können: Schreiben Sie eine Liste aller Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel und Kräuter, die Sie einnehmen, auch Kratom. Zeigen Sie die Liste Ihrem Arzt oder Apotheker, bevor Sie mit einem neuen Medikament anfangen. Arzt oder Apotheke können dann zwei Dinge prüfen: ob CYP- oder UGT-Enzyme das neue Medikament abbauen und ob es die dämpfende Wirkung verstärkt.

Das veränderte Risiko: konzentrierte 7-OH-Produkte

Alles oben Gesagte betrifft Kratomblätter und Produkte aus Blättern. Seit Kurzem gibt es auf dem Markt eine andere Art von Produkt.

Frische Blätter enthalten wenig oder kein 7-OH. Manche Produkte sind mit isoliertem 7-OH angereichert. Sie enthalten es in Konzentrationen, die die Pflanze selbst nicht bildet.

Was forensische Labore und US-Behörden festgestellt haben

  • Das Center for Forensic Science Research and Education (CFSRE) ist eine gemeinnützige forensische Organisation in den USA. Sein Programm NPS Discovery verfolgt neue psychoaktive Substanzen. Es berichtete, dass 7-OH Ende 2024 „zum Hauptbestandteil von Drogenprodukten wurde, die als ‚Kratom‘ oder ‚7OHM‘ vermarktet und verkauft werden“.
  • Die Übersichtsarbeit in Current Addiction Reports von 2026 beschreibt konzentrierte, falsch gekennzeichnete 7-OH-Produkte. Wegen dieser Produkte haben Behörden Warnungen herausgegeben.
  • 2025 schickte die US-Lebens- und Arzneimittelbehörde (FDA) Warnschreiben an sieben Unternehmen, die konzentrierte 7-OH-Produkte verkauften.
  • Die FDA gehört zum US-Gesundheitsministerium (US Department of Health and Human Services, HHS). Am 29. Juli 2025 empfahlen HHS und FDA offiziell, 7-OH in Schedule I einzustufen. Das ist die strengste Kategorie im US-Betäubungsmittelrecht. Sie gilt für Stoffe mit hohem Missbrauchspotenzial und ohne anerkannte medizinische Verwendung.
  • Stand in den USA im Oktober 2026: Die US-Drogenbehörde (Drug Enforcement Administration, DEA) hat für 7-OH selbst noch keine vorläufige Einstufung angeordnet. Im Juli 2026 kündigte sie das zwar an, eine Anordnung folgte aber nicht. Am 9. Oktober 2026 gab das US-Justizministerium (Department of Justice, DOJ) bekannt, dass die DEA eine neue Bekanntmachung herausgeben wird. Die DEA veröffentlichte sie am 14. Oktober 2026. Sie stützt sich auf die aktualisierten Grenzwerte des HHS für die Konzentration von 7-OH und für das Mengenverhältnis. Bereits am 26. August 2026 wurden drei verwandte Stoffe vorläufig in Schedule I aufgenommen: Mitragynin-Pseudoindoxyl, MGM-15 und MGM-16.
  • 7-OH wird als partieller Mu-Opioid-Agonist beschrieben, „möglicherweise vergleichbar mit anderen vollen Opioid-Agonisten“. Einfach gesagt: Es aktiviert im Gehirn denselben Rezeptor wie Morphin (den Mu-Opioid-Rezeptor). Es aktiviert ihn zwar nicht vollständig, kann aber trotzdem fast so stark wirken wie volle Opioide.

Warum Routine-Drogentests es übersehen können

Krankenhäuser nutzen oft Urin-Schnelltests, die gängige Drogen mithilfe von Antikörpern nachweisen (Immunoassay-Screenings). Diese Tests weisen 7-OH nicht zuverlässig nach.

Ein Patient kann die typischen Zeichen einer Opioidvergiftung zeigen (Opioid-Toxidrom). Dazu gehören sehr langsame Atmung, stecknadelkopfgroße Pupillen und eine tiefe Benommenheit. Trotzdem kann der Routinetest negativ ausfallen.

Was Sie tun können: Sagen Sie dem medizinischen Personal im Notfall deutlich, dass die Person Kratom oder ein 7-OH-Produkt verwendet hat. Sonst erfährt das Personal womöglich nie, was die Vergiftung ausgelöst hat.

Anmerkung der Übersetzung: Für diesen Beitrag ließ sich nicht klären, ob konzentrierte 7-OH-Produkte in Thailand oder anderswo in Südostasien verkauft werden. Ebenso unklar blieb, wie das thailändische Recht sie einstuft. Steht auf dem Etikett 7-OH, 7-Hydroxymitragynin oder „7OHM“, behandeln Sie das Produkt als etwas anderes und Stärkeres als Blätter. Das gilt auch für Tabletten, Shots oder Fruchtgummis, die mit hoher Stärke werben. Wenn Sie Blätter anbauen oder verkaufen, prüfen Sie die Rechtslage, bevor Sie solche Produkte ins Sortiment nehmen oder weiterverkaufen. Beginnen Sie am besten mit dem oben verlinkten Beitrag zum Kratom-Recht.

Wer Kratom nicht verwenden sollte

Diese Liste stützt sich auf die klinischen Übersichtsarbeiten und auf das thailändische Recht.

Thailändisches Recht: an wen Sie nicht verkaufen dürfen

Das Kratom-Gesetz B.E. 2565 verbietet den Verkauf von Kratom an:

  • Personen unter 18 Jahren
  • Schwangere
  • Stillende

Die thailändischen Regeln für Lebensmittel mit Kratom, auch zur Kennzeichnung, finden Sie im oben verlinkten Beitrag zum Kratom-Recht.

Anmerkung der Übersetzung: Wenn Sie Blätter verkaufen und beim Alter unsicher sind, lassen Sie sich einen Ausweis zeigen. Sie sind dafür verantwortlich, dass diese Beschränkungen eingehalten werden.

Medizinische Gründe: hohes Risiko oder ungeeignet

  • Bestehende Lebererkrankung. Leberschäden sind das am besten belegte Risiko.
  • Erkrankungen von Herz, Nieren, Lunge oder Nervensystem.
  • Einnahme von Benzodiazepinen, Opioiden oder SSRI oder von Medikamenten, die über CYP2D6, CYP3A4 oder UGT abgebaut werden.
  • Früherer Konsum mehrerer Drogen gleichzeitig (Mischkonsum).
  • Schwangerschaft. Babys von Müttern, die Kratom verwendet haben, können einen Entzug durchmachen (neonatales Abstinenzsyndrom), und das ist belegt. Dieser Befund ist deutlich besser gesichert als das meiste, was über Kratom gesagt wird.

Was Sie tun können: Wenn Sie regelmäßig ein Medikament einnehmen, fragen Sie in der Apotheke, ob die Enzyme CYP2D6, CYP3A4 oder UGT es abbauen. Fragen Sie, bevor Sie Kratom verwenden, nicht erst danach.

Was die Forschung noch nicht weiß

Die Datenlage hat deutliche Lücken:

  • Es gibt nur wenige kontrollierte Studien am Menschen. Die meisten messen die Pharmakokinetik (wie der Körper einen Stoff aufnimmt, abbaut und ausscheidet) oder Schmerzen unter Testbedingungen. Keine davon zeigt, dass Kratom als Behandlung wirkt. Ein Beispiel ist eine Studie aus Malaysia von Vicknasingam und Kollegen aus dem Jahr 2020. Die Freiwilligen hielten eine Hand in kaltes Wasser, damit die Forschenden ihre Schmerztoleranz messen konnten (Kältetest, englisch Cold-Pressor-Test). Die Studie war doppelblind. Weder die Freiwilligen noch die Forschenden wussten also, wer Kratom bekam und wer ein Scheinmittel (Placebo).
  • Fast alle anderen Daten zum Menschen stammen aus Beobachtungen von Konsumierenden, aus der nachträglichen Auswertung von Akten oder aus Fallberichten.
  • Niemand weiß, wie sich das Risiko beim Menschen mit der eingenommenen Menge verändert (Dosis-Wirkungs-Beziehung).
  • Es gibt Studien zu Langzeitkonsumierenden in Thailand und Malaysia. Jede davon erfasst aber nur einen einzigen Zeitpunkt (Querschnittsstudie). Keine Studie hat eine Gruppe von Konsumierenden über viele Jahre begleitet (prospektive Kohortenstudie).
  • Niemand weiß, wie viel die Nebenalkaloide zur Wirkung beitragen. Das sind die übrigen Wirkstoffe des Blatts neben Mitragynin und 7-OH.

Am wichtigsten ist die Lücke bei den Langzeitdaten. In Thailand gibt es mehrere Generationen von Kratomkonsumierenden und einen rechtlichen Rahmen, der Forschung erlaubt. Es gibt dort auch Universitäten, die solche Studien durchführen können. Langzeitstudien, die Konsumierende in Thailand über Jahre begleiten, gehörten daher zur wertvollsten Kratomforschung weltweit.

Was Sie tun können: Wenn Sie regelmäßig Kratom verwenden, notieren Sie, wie viel Sie nehmen, wie oft und welche Beschwerden auftreten. Heben Sie auch die Ergebnisse von Leberwert-Bluttests auf. Ihr Arzt kann diese Aufzeichnungen nutzen. Genau solche Daten sammeln auch Langzeitstudien. Lädt eine thailändische Universität Langzeitkonsumierende zu einer Studie ein, hilft Ihre Teilnahme, diese Lücke zu schließen.

Was sich daraus ergibt

Kratomblätter sind nicht die tödliche Substanz, als die ihre schärfsten Kritiker sie darstellen. Die veröffentlichten Fallberichte stützen diese Behauptung nicht. Kratom ist aber auch nicht das harmlose Kraut, als das die Verkäufer es darstellen:

  • Laut der Einstufung von LiverTox verursacht es wahrscheinlich Leberschäden.
  • Es verursacht Abhängigkeit und einen Entzug, der einem Opioidentzug ähnelt.
  • Über die Enzyme CYP2D6, CYP3A4 und UGT hat es echte, konkrete Wechselwirkungen mit Medikamenten.
  • Krampfanfälle bei Patienten, die überlebt haben, sind ein Warnsignal und müssen weiter untersucht werden.

Konzentrierte 7-OH-Produkte sind etwas anderes als Blätter und gefährlicher. In der öffentlichen Debatte entsteht die meiste Verwirrung dadurch, dass beides gleichgesetzt wird. Das führt Menschen auf beiden Seiten der Debatte in die Irre.

Wenn Sie Kratom verwenden und nicht aufhören können, haben Sie eine anerkannte Erkrankung, für die es eine etablierte Behandlung gibt. Gehen Sie zum Arzt und sagen Sie, was Sie eingenommen haben.

Sie haben Fragen, Korrekturen oder Erfahrungen aus thailändischen Kliniken? Schreiben Sie sie unter diesen Beitrag.


Quellen (Teil 2):

  • “The acute adverse health effects of kratom: an evaluation of case reports”, Frontiers in Pharmacology, 2025
  • “Kratom”, LiverTox: Clinical and Research Information on Drug-Induced Liver Injury, NIH
  • “Kratom”, StatPearls, NCBI Bookshelf
  • Tanna et al., “Translating Kratom-Drug Interactions: From Bedside to Bench and Back”, Drug Metabolism and Disposition, 2023
  • Vicknasingam et al., “Kratom and Pain Tolerance: A Randomized, Placebo-Controlled, Double-Blind Study”, Yale Journal of Biology and Medicine, 2020
  • “7-Hydroxymitragynine (7-OH): Clinical Implications of a Potent, Unregulated Opioid Partial Agonist Derived from Kratom”, Current Addiction Reports, 2026
  • “7-Hydroxy Mitragynine New Drug Monograph”, NPS Discovery / CFSRE, 2025
  • US Department of Justice, “Department of Justice Announces Updates to Emergency Scheduling Actions for 7-OH and Related Opioid…”, 9. Oktober 2026
  • Kratom Act B.E. 2565 (Thailand)

Weiterlesen auf Asiannabis

Die Beiträge zur Chemie und zum Recht sind oben in der Einleitung verlinkt. Zwei weitere Beiträge gehören zum Thema: